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Predigt an Mariä Aufnahme in den Himmel 2013

15. August 2013, Klosterkirche Einsiedeln, Pater Urban Federer

Liebe Brüder und Schwestern, der heutige Feiertag steht in diesen Wochen einzigartig da: Während etwa die Monate Juni und September von Feiertagen und Festen durchzogen werden, ist der 15. August die kirchliche Freude des Sommers. Und kaum ein Kind, das seit Montag wieder die Schulbank drückt, wird traurig sein, dass uns das heutige Fest bereits einen freien Tag beschert. Auch inhaltlich ist das heutige Fest eine wahre Freude: Es geht um frohe Vollendung, um den Sieg des Lebens über den Tod, wie uns der hl. Paulus schon im ersten Satz der heutigen Lesung zugerufen hat: «Christus ist von den Toten auferweckt worden als der Erste der Entschlafenen.»
Dabei ist es alles andere als selbstverständlich, dass alles so gut gekommen ist. Ich denke nicht nur an das Kreuz Christi, unter dem Maria stand. Dass sie als Mutter bei der Hinrichtung ihres Sohnes nicht verbitterte, ist schon mehr als erstaunlich; Grund genug hätte sie gehabt. Doch schon die Geburt Jesu kam so anders, als sich dass eine junge Frau erhoffen kann: Eine Schande war gegen aussen ihre Schwangerschaft, ihr Verlobter Josef wollte sich darum davon machen, um sie nicht anklagen zu müssen, kein würdiger Ort zum Gebären fand sich, was ja auch extrem gefährlich für Mutter und Kind war, und kurz danach die Flucht nach Ägypten, weg von den Verfolgern ihres Sohnes. Maria wurde zum Opfer, zum Opfer von kulturellen Traditionen, Armut, Machtspielen und politischen Sachlagen.
Wir kennen das alle: Wir alle waren einmal und sind vielleicht immer noch Opfer unserer Umwelt, Opfer des menschlichen Zusammenlebens.

Meine Lieben, ich möchte hier nicht von den Opfern von Kriege und Katastrophen sprechen, von Menschen, die zu Opfern von Gewalt und Missbrauch wurden. Aus Ägypten hören wir im Moment wieder beunruhigende Nachrichten. Mich beschäftigt am heutigen Fest, das uns das verherrlichte Bild der Muttergottes vor Augen stellt, gleichsam als dessen Gegensatz die Opferbesessenheit der westlichen Gesellschaften. Es ist nämlich das eine, Opfer zu werden, und das andere, diese Opferrolle nicht mehr loslassen zu wollen. Für fast alles sind wir heute versichert, was ja nicht schlecht ist. Nur kann uns in unseren Vorstellungen eigentlich gar nichts mehr passieren. Bringt uns das Aufeinander-Los-Gehen von Anwälten nach einem tödlichen Unfall etwa die Opfer zurück? Viele werden heute am Arbeitsplatz gemobbt – aber niemand mobbt andere. In der Partnerschaft hat der andere ein Problem, ich aber bin Opfer! Viele Menschen kommen nicht mehr aus dem Selbstmitleid heraus: Ich bin Opfer eines anderen Menschen und kann mich darum nicht ändern! Sagen wir auch laut, dass wir selbst andere zu Opfern machen? Vielleicht hat die Kirche lange Zeit zu viel von Sünde gesprochen, doch heute sind wir im Gegenteil angekommen, die Sünde gibt es schon gar nicht mehr: Ich bin Opfer meines Fehltritts! Ja Fehler und Schuld einzugestehen, ist heute politisch unkorrekt. Sie können öffentlich über Sexualität sprechen, aber über Schuld: das ist zu intim, das schadet Ihrem Ansehen. Wo aber niemand Schuld kennt, da braucht es auch keine Erlösung davon. Und wo es diese Sehnsucht nach Rettung nicht gibt, da macht auch die Religion keinen Sinn: Wozu denn eine Erlösung durch Christus und eine «Auferweckung von den Toten»? Unsere Opferbesessenheit weist für mich auf ein grundlegendes Problem hin, das von uns heute nicht wirklich diskutiert wir: Viele Menschen können von der Kirche gar nichts mehr erwarten! Warum braucht es diese eigentlich? Warum Erlösung? Und auch wir in der Kirche sind immer wieder in Gefahr zu beten: «Vergib uns unsere Schuld», aber da wir ja eigentlich Opfer anderer sind, beten wir oft nur halbherzig und weil es dazu gehört: «Wie auch wir verzeihen anderen.»

Liebe Mitchristen, da atmen das heutige Fest und die heutigen Lesungen einen ganz anderen Geist. Wenn wir uns in die heutigen Texte vertiefen, kommt uns eine unglaubliche Freude und Freiheit entgegen – und das bei einer Frau, von der ich vorher noch sagte, sie sei Opfer ihrer Umwelt geworden. Maria kannte natürlich diese Angst um sich selbst auch, die uns so oft verunmöglicht, aus unserer Opferrolle heraus zu treten: «Sie erschrak über die Anrede», heisst es beim Besuch des Engels Gabriel bei ihr. Auch Maria musste sicher damit kämpfen, sich von ihren Lasten nicht erdrücken zu lassen. Umso befreiender empfinde ich ihre Worte im heutigen Evangelium: «Meine Seele preist die Grösse des Herrn und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter!» Maria empfindet Gott als Retter, als Erlöser – und das befreit sie, nicht erst nach ihrem Tod, sondern bereits in ihrem oft harten Leben. Maria macht sich auf, heraus aus ihrer Opferrolle, zu ihrer Verwandten Elisabeth. Und das können wir von heutigen Fest lernen: Wir sollten uns bewegen, uns immer wieder auf den Weg machen. Wie mir mein Mitbruder Fr. Mauritius erzählte, ist der Weg, den Maria zu Elisabeth machte, weit und für eine alleinstehende Frau beschwerlich, wenn nicht gar gefährlich. Warum nicht einmal zu Fuss nach Einsiedeln kommen, oder, wenn sich in unserem Leben gar nichts mehr bewegt, den Weg nach Santiago de Compostela unter die Füsse nehmen? Maria tut es aus ihrer Gottesbeziehung heraus und im festen Vertrauen, dass das, was der Engel ihr sagte, stimmt: «Auch Elisabeth, deine Verwandte, hat noch in ihrem Alter einen Sohn empfangen.»

Ja, für Gott ist nichts unmöglich! Wenn wir in unserer Opfermentalität verharren, können wir aus unseren Fehlern nichts lernen, da wir ja gar keine Fehler machen. Der heutige grossartige Tag lehrt uns aber etwas über die befreiende Erlösung im Glauben: Wer sich Gott anvertraut – mit Leib und Seele –, wird frei, auch wenn es schwer im Leben ist. Wer Vergebung erfährt, kann Vergebung schenken – und das ist wahre Freiheit! Im christlichen Sinne ist Opfer nämlich etwas Positives: Wir geben uns Gott hin, vertrauen uns ihm an und können so auch für andere da sein – und Gott bereitet auch uns seinen Himmel vor, denn Christus ist der Erste, der von den Toten auferweckt wurde, danach folgen Maria und alle, die zu Christus gehören. Amen.