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Predigt am Vorabend der Engelweihe 2013

13. September 2013, Klosterkirche Einsiedeln, Abt Martin Werlen

Liebe Schwestern und Brüder

In unserem Leben bringt uns vieles immer wieder zum Staunen. Vor ein paar Tagen war ich per Bahn auf der Schnellstrecke Bern-Olten unterwegs. Die Züge fahren mit einer Geschwindigkeit von 200 km pro Stunde. Wenn ein Gegenzug kommt – selbstverständlich nicht auf dem gleichen Gleise -, merkt man den Druck deutlich. In dem gegenüberliegenden Abteil sass ein schlafender Herr mit zwei etwa 10-jährigen Jungen. Sie waren offensichtlich gut befreundet und unterhielten sich lebhaft. So erklärte einer mit gekonnten Worten, warum es diesen Druck beim Kreuzen zweier Züge gibt. Und nach seinen langen Ausführungen fügte er hinzu: "Das weiss jeder. Ich habe es nur so komisch erklärt wie ein Wissenschaftler."

So kann es mir auch ergehen, wenn ich hier etwas zum Fest der Engelweihe zu sagen versuche. Der Name dieses Festes ist leider schon irreführend – und führt tatsächlich viele irre. Weder haben die Engel geweiht noch wurden die Engel geweiht. Nach der Legende hat Christus selbst diese Kapelle geweiht. Er trug violette Kleider. Darum tragen auch wir heute violette liturgische Kleider. Christus war begleitet von Engeln und Heiligen. So ist es auch auf den Deckengemälden über der Gnadenkapelle dargestellt. Selbstverständlich: Das ist eine Legende. Das fordert geradezu die Wissenschaft heraus, den Hintergründen nachzugehen. Und so sind viele Predigten über die Legende gehalten worden. Bücher und Artikel wurden darüber geschrieben. Die Resultate reichten von "Genauso war es, wie es die Legende erzählt" bis "Nichts von dem stimmt, was die Legende erzählt".

Und nun? Was machen wir? Ich könnte heute Abend hier lang und kompliziert erklären, worum es geht. Denn es fällt uns Erwachsenen oft nicht leicht, etwas auf den Punkt zu bringen. Wichtiges nicht kompliziert und lang, sondern klar und deutlich zu kommunizieren: Dazu fordern uns auch die modernen Kommunikationsmittel heraus. Versuchen wir es einmal, das Geheimnis von Einsiedeln auf den Punkt zu bringen. Was wir hier in Einsiedeln erfahren dürfen, ist etwas ganz Überraschendes, aber auch Einfaches. Wir dürfen erfahren, dass Gott da ist. Das ist das Zentrum unseres Glaubens. Wir dürfen hier erfahren, wie wahr der Name unseres Gottes ist: Ich bin der ‚Ich bin da‘! Wir dürfen hier erfahren, wie wahr das ist, was wir einander in den Gottesdiensten immer wieder zusprechen: ‚Der Herr sei mit euch.‘ ‚Und mit deinem Geist.‘ Wir dürfen hier erfahren, dass wir nicht allein sind, selbst in der grössten Not nicht. Gott ist mit uns. Diese Erfahrung richtet Menschen an diesem Gnadenort wieder auf.

Genau diese Erfahrung unzähliger Menschen kommt in der Legende über die Weihe der Kapelle zum Ausdruck. Sie erinnert uns daran, dass christliches Leben nicht wissenschaftliche Theorie ist. Christliches Leben ist lebendige Beziehung mit Jesus Christus – Tag für Tag. Lebendige Beziehung mit dem Christus, der mitten unter uns ist - weil er uns da begegnen will, wo wir sind. Hier an diesem Gnadenort gehen vielen die Augen auf für seine Gegenwart. Damit ist selbstverständlich nichts gesagt gegen die wissenschaftliche Arbeit. Im Gegenteil. Sie ist wichtig. Aber sie ist nicht das Wichtigste. Sowenig wir uns von der wissenschaftlichen Analyse von Nahrungsmitteln ernähren können, so wenig können wir christliches Leben erfahren, wenn wir bei wissenschaftlichen Darlegungen stehen bleiben.

Gott lässt uns hier erfahren, dass er der ‚Ich bin da‘ ist. Er liebt uns. Er schenkt uns Maria zur Mutter. Dieser tiefste Kern unseres Glaubens lässt uns immer wieder staunen. Darüber müsste ich eigentlich vor Pilgerinnen und Pilgern nicht viel sprechen. Denn: "Das weiss jeder. Ich habe es nur so komisch erklärt wie ein Wissenschaftler."