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Predigt an Allerheiligen 2013

1. November 2013, Klosterkirche Einsiedeln, Abt Martin Werlen

"Mit eurem leeren Getue verscheucht ihr bestenfalls im Sommer einige Fliegen."

Das sind deutliche Worte, an die Adresse der Geistlichen in Köln. Das ist nichts Aussergewöhnliches. Immer wieder gibt es heftige Kritik an die Amtsträger in der Kirche. Aussergewöhnlich aber ist, von wem die Kritik stammt. Von einer Benediktinerin. Typisch Ordensleute, werden einige denken. Die Worte stehen in einem Brief aus dem 12. Jahrhundert. "Mit eurem leeren Getue verscheucht ihr bestenfalls im Sommer einige Fliegen."

Die Benediktinerin konnte dem Treiben der Kleriker nicht mehr zuschauen, ihren Eitelkeiten und Nichtigkeiten. Sie wagte es, diese Asche in aller Klarheit anzusprechen. Sie tat das, was Papst Franziskus über die Berufung der Ordensleute gesagt hat: "Ordensleute sind Propheten. … Prophet zu sein, bedeutet manchmal laut zu sein – ich weiss nicht, wie ich mich ausdrücken soll. Die Prophetie macht Lärm, Krach – manche meinen ‚Zirkus‘." Und in Rio anlässlich des Weltjugendtages rief Papst Franziskus die Jugendlichen zu solchem Engagement auf: "Ich hoffe, dass es als Konsequenz dieses Weltjugendtages Durcheinander geben wird! Hier in Rio gibt es Durcheinander und ich hoffe, dass es auch in den Diözesen Durcheinander geben wird."

Zu solchem Durcheinander hat auch Papst Benedikt XVI. aufgerufen in seinem Schreiben mit der Ankündigung des Jahres des Glaubens: "Weg des Glaubens wiederentdecken" – "Freude und erneute Begeisterung der Begegnung mit Christus" – "Kirche als ganze und die Hirten in ihr müssen sich auf den Weg machen" – "Aufforderung zu einer echten und erneuerten Umkehr zum Herrn" – "Freude am Glauben wieder entdecken und die Begeisterung in der Weitergabe des Glaubens wieder finden."

Deutliche Worte sind immer wieder nötig. "Mit eurem leeren Getue verscheucht ihr bestenfalls im Sommer einige Fliegen." Wir können uns gut vorstellen, dass der Kölner Klerus darüber nicht sehr erfreut war. Was für ein Zirkus! mögen sich ausgerufen haben. Gewiss haben sie für den 17. September, ihren Todestag, keinen Gedenktag vorgesehen… Die aufmüpfige Benediktinerin ist die heilige Hildegard von Bingen. Zum Zeitpunkt der Eröffnung des "Jahr des Glaubens" hat Papst Benedikt XVI. vor einem Jahr Hildegard von Bingen zur Kirchenlehrerin ernannt. Lob erhielt der Papst dafür auch von Leuten, die jede Kritik an einem Amtsträger als Kirchenfeindlichkeit beschimpfen.

Frauen wie die heilige Hildegard von Bingen gehören zur Gemeinschaft der Heiligen. Unzählige Beispiele von hervorragenden Persönlichkeiten könnte ich hier noch anfügen. Und trotzdem meinen viele Menschen, Heiligsein sei etwas Langweiliges, etwas für die Anderen, etwas für die Frommen.

Das ist eine grosse Tragik. Wir verehren Heilige und realisieren nicht mehr ihre Originalität. So geht es uns leider mit vielen Schätzen unseres Glaubens. Grossartiges unseres Glaubens berührt uns nicht mehr. Heute im Morgengebet hiess es in einer Lesung aus dem Brief an die Epheser: "Er erleuchte die Augen eures Herzens, damit ihr versteht, zu welcher Hoffnung ihr durch ihn berufen seid." (Eph 1,18)

Und genau das ist es: Wir alle gehören zur Gemeinschaft der Heiligen. Das ist unsere Berufung. Wir hörten es vorhin auch in der Lesung: "Wir heissen Kinder Gottes, und wir sind es." Menschen, die in ihrem Alltag Hartes durchzustehen haben und nicht verbittern, werden von Jesus selig gepriesen. Das geht zu Herzen. Das bringt unsere Vorstellung von Himmel ganz gehörig durcheinander.

Viele Menschen kehren sich von der Kirche ab, weil sie diese Gemeinschaft der Heiligen nicht erleben. Tatsächlich: Oft legen wir als Getaufte genau ein gegenteiliges Zeugnis ab. Wie oft sprechen wir hintenherum mit fast allen über Menschen, kämen aber nie auf den Gedanken, für sie zu beten. Oder: Alle in einer Pfarrei sehen ein grosses Problem in einer Familie, sprechen darüber mit vielen, aber im Gottesdienst wird selbstverständlich nicht ausdrücklich für diese Familie gebetet. Können uns darin nicht gerade Freikirchen Vorbild sein? Ist das nicht ein wichtiger Grund, warum junge Menschen sich dort mehr angesprochen fühlen? Sie fühlen sich mitgetragen – auch in ihren Nöten.

Wenn wir zur Gemeinschaft der Heiligen gehören, müssen wir uns darum bemühen, dass wir auch so leben. Dass wir nicht nur Kinder Gottes heissen, sondern es auch sind. Wir sind aufgefordert, immer wieder neue Wege zu suchen. Einen konkreten Weg will ich Ihnen nun vorschlagen.

Am 23. November wird der 59. Abt unserer Klostergemeinschaft gewählt. Das geht nicht nur unser Kloster an. Das geht Sie alle an, denn wir alle gehören zur Gemeinschaft der Heiligen und Sie sind mit unserer Klostergemeinschaft verbunden – heute in besonderer Weise durch diese gemeinsame Eucharistiefeier. Darum darf es auch niemandem unter Ihnen gleichgültig sein, was mit unserer Gemeinschaft geschieht.

Dabei geht es besonders darum, miteinander zu beten, dass unsere Klostergemeinschaft Gottes Willen erkennt. Bei der Wahl darf es nicht um eigene Interessen gehen, sondern um Gottes Willen. Daran erinnert der heilige Benedikt im 6. Jahrhundert in seiner Mönchsregel nicht nur die Mönche, sondern alle Getauften: "Wenn jedoch eine ganze Gemeinschaft einmütig eine Person wählt, die mit ihren Lastern einig geht, was nicht vorkommen möge, und wenn der Bischof, zu dessen Diözese der Ort gehört, irgendwie Kenntnis von diesen Missständen bekommt, oder wenn sie für benachbarte Äbte oder Christen klar zutage liegen, sollen sie verhindern, dass sich die Verschwörung von Verworfenen durchsetzt, und sollen dem Haus Gottes einen würdigen Verwalter bestellen. Wenn sie uneigennützig und aus Eifer für Gott handeln, mögen sie wissen, dass sie einen guten Lohn erhalten, und umgekehrt, dass sie sündigen, wenn sie gleichgültig bleiben."

Weil Getaufte im 16. Jahrhundert dem Kloster Einsiedeln nicht gleichgültig gegenüberstanden, existiert unsere Gemeinschaft noch. Der Abt und der Mönch waren nicht bereit, als Gemeinschaft sich der Zeit zu stellen und wirklich als Benediktiner zu leben. So musste der Abt unter Druck der Öffentlichkeit zurücktreten und die Schwyzer konnten einen Mönch aus St. Gallen als Abt einsetzen. Damit retteten sie das Kloster Einsiedeln.

Das ist die richtige Haltung in der Gemeinschaft der Heiligen. Wir dürfen nie gleichgültig bleiben. Darum lade ich Sie alle ein, in diesen Tagen der Vorbereitung der Abtswahl mit uns zu beten, dass Gottes Wille geschehe.

In Anlehnung an die Seligpreisungen im heutigen Evangelium sage ich im Hinblick auf die Abtswahl:

  • Selig die Mitbrüder, die noch keine Entscheidung für welchen Mitbruder auch immer getroffen haben, sondern in dieser Zeit der Vorbereitung der Wahl um ein goldenes Ohr beten für das, was Gott will.
  • Selig die Menschen, die mit unserer Klostergemeinschaft verbunden sind, die noch keine festen Meinungen gebildet haben und damit stolz hausieren, sondern in dieser Zeit der Vorbereitung der Wahl für uns beten, dass wir ein goldenes Ohr für das haben, was Gott will.

Liebe Schwestern und Brüder, Sie alle erhalten an den Pforten des Klosters Gebetsbildchen mit einem Gebet um eine gute Abtswahl. Beten wir miteinander, dass die Klostergemeinschaft so auf Gott hört, dass derjenige Abt wird, den Gott uns in diesem Amt schenken will.

An diesem Gnadenort sollen auch in Zukunft immer wieder Menschen erfahren, dass sie Kinder Gottes heissen und es auch sind. Sie sollen erahnen, zu welcher Hoffnung wir alle berufen sind. Denn wir wollen nicht mit leerem Getue bestenfalls im Sommer einige Fliegen verscheuchen.