Predigt an Ostern

27. März 2016, Klosterkirche Einsiedeln, Abt Urban Federer

Liebe österliche Festgemeinde,

Mehrere Male wurde ich in den letzten Tagen gefragt, ob es mich nicht bedrücke, dass heute für viele Ostern nur noch aus Osterhasen bestehe und der Osterstau am Gotthard zeige, dass der heutige Mensch Ostern einfach zur Erholung benütze. Darauf muss ich zuerst einmal sagen: Ich mag Osterhasen aus Schokolade – und ich gönne Menschen Erholung! Wer zur Erholung einen Stau braucht, ist selbst schuld; ich bin froh, dass ich mir das nicht antun muss… Und sicher bin ich nicht hier, um zu lamentieren, warum andere nicht da sind. Zuerst einmal freue ich mich über die grosse Gemeinde, mit der ich zusammen Ostern feiern darf! Und dann ist die Frage, die mich zuerst beschäftigt, nicht: warum sind andere nicht hier, sondern: Warum eigentlich sind wir hier? Wie kommt es, dass wir noch nach 2000 Jahren ein Fest feiern, von dem unser Verstand nicht mehr erkennt als ein leeres Grab?

Und so begann ja alles, wie wir im Evangelium gehört haben: Maria von Magdala erschrickt: der Stein ist nicht mehr vor dem Grab! Verstört sucht sie Hilfe bei den Aposteln Petrus und Johannes. Und diese müssen feststellen: Das Grab ist leer! Hier, in dieser Leere, in dieser Unsicherheit hat das Christentum seinen Ursprung. Nicht im Kreuz: wir verherrlichen keinen Tod, keine Gewalt! Aber auch nicht wegen einer simplen Wunder-Geschichte: Er, der am Kreuz hingerichtet wurde, ist zuerst einmal nicht mehr da!

Warum also sind wir heute hier und feiern Ostern? Vor allem wegen Menschen wie Maria Magdalena, Petrus und Johannes. Maria Magdalena hat Christus kennengelernt, er hat sie geheilt, er hat sie begeistert mit seiner Botschaft, dass das Reich Gottes nah sei. Sie war fasziniert, dass Christus anders war als andere: aufrichtig, authentisch, von Liebe zum Menschen erfüllt und ganz verwurzelt in Gott. Sie hat ihm geglaubt, sie hat an ihn geglaubt. Und dann wurde er wie ein Verbrecher hingerichtet, war plötzlich tot. Was hat sie zum Grab geführt? Das wusste sie vermutlich selbst nicht. Christus hat in ihr eine Hoffnung, er hat in ihr Liebe eingepflanzt. Hoffnung und Liebe haben sie zum Grab getrieben und die brennende Frage: Das kann doch nicht alles gewesen sein! Ist denn Gott nicht mehr als das blosse Versagen eines Verbrechers? Marias Zweifel, ihre Hoffnung und ihre Lieben haben sie zum Grab geführt – und uns hierher.

Und auch wegen der Jünger sind wir da: Petrus selbst hat versagt, er hat Jesus im Stich gelassen, als dieser verurteilt war. Nun rennt er plötzlich wieder, nicht so schnell wie der jüngere Johannes, aber er rennt! Warum? Als Maria aufgeregt sagte, das Grab sei offen, sprangen die Jünger auf. Sie fanden Christus nicht im Grab, aber langsam müssen die Worte Jesu, die er zu ihnen gesprochen hatte, unter ihrer verschütteten Hoffnung wieder aufgekeimt sein: Hat er nicht gesagt, er werde getötet, aber am dritten Tag auferweckt werden? Hat er sich doch aus Liebe kreuzigen lassen? Hoffnung und Liebe wachsen darauf bei Johannes zu etwas Neuem: Er glaubt!

Meine Lieben, aufgrund der Hoffnung, der Liebe und des Glaubens anderer Menschen sind wir heute hier! So sind wir auch hier wegen Menschen wie dem hl. Paulus. Paulus hat Jesus bereits nicht mehr persönlich gekannt. Vielmehr war er ein Extremist: Er wurde zum Verfolger der jungen Kirche, hat sie mit Terror überzogen. Vor den Toren von Damaskus in Syrien, wo jetzt seit Jahren gekämpft und getötet wird, hatte er eine Offenbarung Christi: Diese Begegnung machte ihn frei, setzte Hoffnung und Liebe frei, die unter seiner Hartherzigkeit und seinem Hass verschüttet waren, und er kam zum Osterglauben. Paulus wurde zum unermüdlichen Apostel Jesu Christi! Aus dieser Erfahrung heraus schreibt er in seinem Brief an die Korinther, aus dem wir heute einen Abschnitt gehört haben: «Für jetzt bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; doch am größten unter ihnen ist die Liebe». Und das sagt er ausgerechnet einer Gemeinde in der Krise – ja Sie hören richtig, die Kirche ist eigentlich schon seit ihrem Beginn in der Krise, so gab es Streit und Uneinigkeit in Korinth! Doch gerade auch wegen der Zerrissenheit und Hilfsbedürftigkeit der Kirche in Korinth sind wir hier, sonst hätten wir zwei der wichtigsten Briefe des hl. Paulus nicht: sie sind das Ergebnis seiner Ostererfahrung! Und so ruft der der hl. Paulus nicht nur der Kirche in Korinth zu, sondern auch uns heute: «Schafft den alten Sauerteig weg, damit ihr neuer Teig seid.» Das heisst mit anderen Worten: Lebt in der neuen Wirklichkeit von Ostern und bleibt nicht im alten Schema von Unrecht und Rache, Hass und Vergeltung. Stellt Euch dem Heute und gebt Osterhoffnung, Osterliebe, Osterglaube in die Welt, in der ihr lebt!

Liebe Mitchristen, wir sind hier wegen all der Menschen, die über 2000 Jahre hinweg aus der Hoffnung, der Liebe und dem Glauben an Gott gelebt haben und es noch tun. Ist das nicht wahnsinnig? Nicht weil Ostern für den Verstand logisch erfassbar ist, sind wir hier, sondern, weil Menschen gehofft und geliebt haben und in ihren Zweifeln und Nöten dem lebendigen Gott begegnet sind. Schauen Sie sich um: Vielleicht sitzen ja Menschen in ihrer Nähe, die ihnen wichtig sind. Die haben Sie ja auch nicht einfach nur mit dem Verstand gefunden (es gibt ja noch Milliarden anderer Frauen und Männer auf dieser Welt, die sie hätten aussuchen können). Die wichtigsten Grundentscheide unseres Lebens sind nicht einfach logisch nachvollziehbar. Uns so gilt eben auch für Ostern: Nicht das Lamentieren über den Osterstau am Gotthard bringt und weiter. Wenn wir wollen, dass die Welt an Christus glaubt, dann müssen wir Sauerteig für diese Welt sein: von innen her unsere Osterhoffnung, unsere Osterliebe, unseren Osterglauben leben! Dafür müssen wir nicht gut gelaunt sein: Gehen Sie trotz Schmerzen, trotz Trauer oder Sorgen in ihren Alltag zurück mit der Erfahrung dieses Gottesdienstes! Maria von Magdala, aber auch die Christinnen und Christen in Korinth haben in ihrem Zweifeln und ihrer Trauer Hoffnung, Liebe und Glaube in der Begegnung mit dem Auferstandenen neu gefunden! Amen.


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