Predigt an Palmsonntag

9. April 2017, Klosterkirche Einsiedeln, P. Jean-Sébastien Charrière

Liebe Schwestern und Brüder,
Es erstaunt nicht, dass Philosophen und Weise gesagt haben:
"Die Menge ist Lüge!"
Die gleiche Menge von Jerusalem, die heute, am Palmsonntag, Jesus als Sohn Davids und König von Israel voll Jubel empfängt, wird in ein paar Tagen ihn vehement zum Tod verurteilen. Und dies, obwohl Jesus und seine Botschaft sich treu geblieben sind und sich nicht verändert haben (siehe Hebräer 13,8)! Die Wahrheit bleibt Wahrheit, auch wenn sie nicht erkannt wird.

Warum gilt die Menge als "Lüge"? Weil sie anonym ist. Wer ist "die Menge"? Ihre "Identität" ist wechselhaft, weil sie eben keine wahre Identität hat. Und trotzdem besitzt sie eine grosse Macht über die Individuen, die sie bilden. In ihr entsteht eine "Gruppendynamik", in welcher die Verantwortung oder die Schuld leicht und endlos auf die anderen verschoben werden kann! In einer Menge traut sich manchmal der einzelne Sachen zu tun oder zu sagen, die er sonst nie machen oder sagen würde, und die manchmal sogar seiner Einstellung widersprechen würden. Aber auch das Gegenteil kann der Fall sein! Aus Angst oder Scheu kann der einzelne in der Menge verschwinden, und sich nicht mehr trauen, etwas selbständig zu sagen oder zu machen. Dies kann allerdings auch innerhalb einer Gesellschaft, einer Religion, einer Familie oder einer Gemeinschaft geschehen.

Innerhalb der Menge von Jerusalem waren sicher die verschiedensten persönlichen Meinungen anzutreffen. Die einen waren von Jesus und seiner Botschaft begeistert. Andere waren gegen ihn. Und sicher waren auch viele Menschen unsicher oder haben einfach mitgemacht ohne grosse Überlegungen, einfach so! "Nichts Neues unter der Sonne", würde Kohelet sagen (Ekklesiastes 1,9)! Um uns herum finden wir auch das Gleiche heutzutage. Vielleicht gehören sogar wir dazu. Wir machen einfach mit, ohne Überlegung oder Überzeugung.

Am Palmsonntag scheint die Stimmung in Jerusalem eher oberflächlich und voll falscher Erwartungen zu sein. Die Menge sieht in Christus vor allem einen weltlichen und politischen Retter, der Israel von der Besatzung der Römer - ihrer Eroberer - befreien sollte. Sie hatten ihm nicht richtig zugehört. Am Karfreitag hingegen ist Jesus nicht mehr erwünscht. Viele waren wahrscheinlich enttäuscht, dass Jesus ihre Erwartungen nicht erfüllt hatte. Deshalb wollen sie ihn jetzt loshaben, er muss verschwinden. Er ist nicht der erwartete Erlöser und gilt jetzt als Betrüger. Sie haben seine Botschaft immer noch nicht verstanden. Sicher konnten auch einige mit seiner fordernden Botschaft nichts anfangen: "Seid wahrhaftig und ehrlich; liebt eure Feinde; zeigt den Sündern und Unreinen Liebe und Barmherzigkeit; vergebt euern Schuldigern; leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand… Sie wollten diesen Dorn im Auge weg haben. Ich vermute aber, dass der grösste Teil der Anwesenden in der Menge einfach Angst hatte. Wenn sie zu Jesus stehen würden, könnte ihnen das Gleiche geschehen. Deshalb gehen sie kein Risiko ein. Sie wollen kein Problem haben! Mit dieser Haltung haben sie den Gegnern Jesu – die vielleicht in Minderzahl waren – in die Hände gespielt.

Sicher herrschte in Jerusalem eine grosse Anspannung. Die Stadt war ein Pulverfass. Viele tausende von Juden waren versammelt für das Paschafest. Die Römer hatten Angst vor einem Aufstand einer solch grossen Menge, die Jesus hätte anführen können. Die Juden ihrerseits hatten ebenfalls Angst, dass einer wie Jesus Unruhe stiften würde, denn die Römer konnten das Volk dafür bestraffen, das Judentum knebeln, vielleicht den Tempel entweihen oder sogar zerstören. So wird die Aussage des Hohenpriesters Kajaphas verständlich: "Es ist besser, wenn ein einziger Mensch für das Volk stirbt, als wenn das ganze Volk zugrunde geht" (Johannes 11,48-50).

Liebe Brüder und Schwestern
Diese Menge von Jerusalem, die so wankelmütig ist, kann ein Sinnbild unserer eigenen Herzen sein, die sich in verschiedenen Stimmungen fangen lassen können. Deshalb sollten wir unsere Aufmerksamkeit nicht der Menge schenken - nicht unseren Stimmungen - sondern Christus. Er ist die Wahrheit (Johannes 14,6). Er soll unser Vorbild sein. Am Palmsonntag widmet Jesus selber seine Aufmerksamkeit nicht der Ehrerbietung der Menge. Er bleibt auf Gott, die Liebe und sein Ziel, konzentriert. Er übergibt sogar den Palm-und-Kleider-Teppich - Zeichen der Ehre - den Hufen des Esels, der ihn trägt. Und am Karfreitag bleibt er auch auf Gott, die Liebe und sein Ziel, konzentriert. So gilt für ihn die prophetische Verkündigung des Jesaja: "Ich hielt meinen Rücken denen hin, die mich schlugen, und denen, die mir den Bart ausrissen, meine Wangen. Mein Gesicht verbarg ich nicht vor Schmähungen und Speichel. Doch Gott, der Herr, wird mir helfen; darum werde ich nicht in Schande enden. Deshalb mache ich mein Gesicht hart wie einen Kiesel; ich weiss, dass ich nicht in Schande gerate" (Jesaja 50,6-7). Auch wir sollten unsere Aufmerksamkeit nicht auf das Lob, die Kritik, die Heuchelei, die Lüge oder den Hass richten, sondern auf Gott, die Liebe und unsere Bestimmung. Dies wird auch uns in schwieriger Zeit des Lebens Halt und Kraft geben und uns mit Christus zur Auferstehung führen. AMEN


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