Predigt am Hohen Donnerstag

13. April 2017, Klosterkirche Einsiedeln, Abt Urban Federer

Als Br. Klaus im Alter von 48 Jahren eine grosse Krise hatte, wurde er von mit ihm befreundeten Priestern in seinen Ängsten und Zweifeln tiefer in die spätmittelalterliche Mystik eingeführt. Br. Klaus suchte fortan nach dem «einig wesen», nach dem Ursprung und der Quelle allen Lebens in Gott. Zuerst tat er dies noch zu Hause, dann als Pilger, schliesslich als Eremit im Ranft. Für diese Suche hat er vor allem gelernt, das Leiden Christi zu betrachten, wie wir das in diesen Tagen ja nun ebenfalls ganz intensiv machen: die Hingabe Christi im Brot und Wein der Eucharistie, sein Leiden und Tod am Kreuz und seine Auferstehung – Hoher Donnerstag bis Ostern. Wer heute etwa in der Politik ernsthaft danach sucht, was christliche Werte sind, kommt nicht an Jesus Christus vorbei. Nur in Christus können wir erkennen, was christlich ist – so lehrt uns ja auch Br. Klaus. Liebe Brüder und Schwestern in Christus, ich kann das für diese Feier nur ganz kurz anhand dreier Punkte zeigen.

«Jesus wusste, dass seine Stunde gekommen war, um aus dieser Welt zum Vater hinüberzugehen. Da er die Seinen, die in der Welt waren, liebte, erwies er ihnen seine Liebe bis zur Vollendung.» So beginnt das heutige Evangelium. Jesus ist in Jerusalem, er hatte einen triumphalen Einzug, die Stadt ist voller Menschen, die ihm folgten, wenn er etwa zum Angriff auf die römische Besatzungsmacht aufrufen würde. Und was macht Jesus? Er feiert ein Mahl, wäscht seinen engsten Jüngern die Füsse und spricht dabei von Liebe, die sich so zeigt. Br. Klaus hatte nach vielen Jahren als Hauptmann einen immer grösseren Abscheu vor dem Krieg. Er ging so weit, dass er sagte: Den Frieden bricht, wer andere nur schon einen Lügner nennt oder das Schwert als Drohung zückt. Denn wer böse spricht, andere nicht ernst nimmt oder gar zu Gewalt greift, zerbricht jede Basis für vernünftige Verhandlungen. Er sagte weiter, ein Prozess sei nicht gut, sogar wenn Du im Recht bist, weil der andere damit festgenagelt und wird und es zu Verhärtungen kommt. Darum liess er sowohl den Solothurnern als auch der Stadt Konstanz schreiben: «lasset das Recht das Böseste sein». Ein Prozess kann nur das letzte Mittel sein. Besser wäre es, einander in Liebe zu dienen, die Füsse zu waschen.

«Es fand ein Mahl statt, und der Teufel hatte Judas, dem Sohn des Simon Iskariot, schon ins Herz gegeben, ihn zu verraten und auszuliefern.» Jesus kannte seine Jünger, er wusste, wer nicht mehr durchhält, ja wer sogar zum Verrat übergeht. Wir würden in einem solchen Fall vielleicht den Erbärmlichen aus unserem Kreis ausschliessen. Jesus tut aber das Gegenteil, einen Sklavendienst: Er wäscht den anderen die Füsse. Auch Judas wäscht er so die Füsse, obwohl dieser innerlich schon zum Feind geworden ist. So weit geht die Liebe Gottes! Darum singt unser Stiftsschor und wir alle bei der Fusswaschung: Ubi caritas et amor, deus ibi est – Wo Güte ist und Liebe, da ist Gott. Darum wusste auch Br. Klaus. Je mehr er sich in die Betrachtung der Liebe Gottes versenkte, desto mehr wurde er selbst zum Ratgeber für andere. Nicht nur für Fürsten und Bischöfe, sondern auch für einfache Pilgerinnen und Pilger. Er machte keine Unterschiede, denn er wusste: in jedem Stand haben Menschen mit Versuchungen und Ängsten zu kämpfen und suchen den inneren Frieden. Und damit wäre ich beim dritten Punkt:

«Begreift ihr, was ich an euch getan habe?», sagt Jesus nach der Fusswaschung. Br. Klaus hat es vermieden, mit konkreten Vorschlägen in die Politik einzugreifen. Ihm lag eine Veränderung der Haltung der Menschen am Herzen. Politikerinnen und Politiker, ja wir alle erhalten christliche Werte nicht fixfertig auf dem Silbertablar geliefert. Es bleibt unsere Verantwortung, danach zu suchen, was wir aus einer christlichen Haltung heraus machen. Diese Haltung aber ist jene der Fusswaschung, des Dienstes. Wer sich wirklich auf Gott einlässt, so war Br. Klaus überzeugt, findet zu wahrem Frieden, denn Gott ist der Friede. Er fordert dafür von seinem Gegenüber Einfachheit und die Haltung der Dankbarkeit, was ja auch die Fusswaschung zeigt. "Wes Glück sich auf Erden mehrt, der soll Gott dankbar dafür sein, so mehrt es sich auch im Himmel", sagte der Heilige. Wir dürften heute in der Schweiz den Mut haben, zu mehr Bescheidenheit und Dankbarkeit aufzurufen. Dem reichen Bauer Br. Klaus hat das jedenfalls nicht geschadet!

Liebe Mitfeiernde, es ist, als würde Br. Klaus durch sein Leben uns sagen: nicht das Zeremoniell der Fusswaschung ist das Zentrale dieser Feier, sondern die bewusste Übernahme der Bereitschaft zum Dienst der Liebe, die niemanden ausschliesst, nicht einmal den Verräter Judas. Und wie bei der Fusswaschung feiern wir auch beim Empfang von Christi Fleisch und Blut im Abendmahl die dienende Liebe und Hingabe Christi bis in den Tod. Darum sagt der hl. Paulus in der Lesung: «Denn sooft ihr von diesem Brot esst und aus dem Kelch trinkt, verkündet ihr den Tod des Herrn, bis er kommt.»
So lasst uns nun diese drei heiligen Tage einfach weiter feiern. Denn Feiern hat mit Verwandlung zu tun. Es wäre doch schön, wenn unsere Herzen nach dieser Feier ein bisschen mehr auf die christliche Haltung des hl. Br. Klaus hin verwandelt wären, oder nicht?


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