Predigt am Karfreitag

14. April 2017, Klosterkirche Einsiedeln, Pater Cyrill Bürgi

Liebe Brüder und Schwestern,

Heute offenbart sich Gott auf einzigartige Weise. Er offenbart sein Wesen in der Hingabe seiner selbst bis zum Äussersten. Gott gibt sein letztes Hemd her. Es ist nicht so, dass Gott seinen Sohn brutal leiden lässt und er schaut zu. Nein, Gott selbst leidet in Jesus Christus, seinem Sohn. Er ist das Wort der Liebe, das alles gibt. Durch den gekreuzigten Jesus Christus blicken wir ins offene Herz Gottes.

Lasst uns einmal diese offene Herz Jesu betrachten, wie es im Johannesevangelium heisst: "Sie werden auf den blicken, den sie durchbohrt haben" (Joh 19,37).

Wenn wir dieses offene Herz Jesu als ein Wort der Liebe Gottes annehmen, ruft dieses nach einer Antwort. Wir spüren, dass wir diesem Anblick nicht ausweichen können. Sein offenes Herz ruft nach einer Reaktion. Und diese Antwort kann nicht billig sein, sonst wäre sie angesichts seiner Hingabe nur Spott und Hohn. Im Angesicht des offenen Herzens Gottes wissen wir, dass wir im Grunde uns selbst geben müssen, wenn wir ihm auf gottgemässe Weise antworten wollen. Wenn er alles gegeben hat, können wir nicht kneifen. Er hat uns die ganze Hand entgegengestreckt, da können wir ihm nicht nur den kleinen Finger geben.

Als religiöse Menschen sind wir oft in Gefahr, Gott nur mit Ersatzhandlungen zufrieden stellen zu wollen. Wir halten ihm unser vielen Gebete hin, unser Fasten, die guten Werke und vielen keinen Opfer. Dabei spüren wir aber im Innersten die bedrückende Vergeblichkeit dieser guten Werke, weil es eben nichts gibt, wodurch der Mensch sich selbst ersetzen könnte. Was er auch immer bietet, es bleibt zu wenig. Gott ersehnt nicht etwas von mir, er ersehnt mich. Er will mich.

Paulus schrieb vor knapp 2000 Jahren an die Christen in Rom: "Angesichts des Erbarmens Gottes ermahne ich euch, meine Brüder und Schwestern, euch selbst als lebendiges und heiliges Opfer darzubringen, das Gott gefällt; das ist für euch der wahre und angemessene Gottesdienst" (Röm 12,1). Auf den heutigen Tag übertragen könnten wir sagen: "Angesichts des durchbohrten Herzen Gottes ermahne ich euch, euch selbst als lebendiges und heiliges Opfer darzubringen. Das ist für euch der wahre und angemessene Gottesdienst."

Aber wie machen wir das? Paulus fährt fort in seinem Brief: "Gleicht euch nicht dieser Welt an, sondern wandelt euch und erneuert euer Denken, damit ihr prüfen und erkennen könnt, was der Wille Gottes ist: was ihm gefällt, was gut und vollkommen ist" (Röm 12,2). Der Blick auf das Erbarmen Gottes will uns wandeln und unser Denken erneuern. Auf das durchbohrte Herz zu blicken, bedeutet, sich wandeln zu lassen. Im betenden Nachdenken werden wir spüren, was das für uns konkret bedeuten mag: "Sie werden auf den blicken, den sie durchbohrt haben" (Joh 19,37). Der fromme Blick auf das durchbohrt Herz Jesu genügt nicht, denn dieses Herz blutet heute noch so frisch wie vor 2000 Jahren. Es blutet heute in den Kriegen, in den Dürrekatastrophen und den Verbrechen dieser Erde bis hinein in die Fussballstadien. Das Herz Jesu blutet in unseren Familien, in unseren unversöhnten Beziehungen, den ausgebeuteten und vernachlässigten Menschen unserer Umgebung. Es blutet in unserem Unfrieden und Verhärtungen. Dieser Blick ruft nach Wandlung.

Wir dürfen dem Anblick dieses offen blutenden Herzens genauso wenig ausweichen wie dem Blick der Liebe Gottes. Auch wenn die Katastrophen weit weg von uns sind, dürfen sie uns nicht unberührt lassen. Den Blick auf die blutenden Herzen in unserer Umgebung, wird uns vielleicht eher helfen, eine angemessene Antwort finden. Wenn wir erwägen, dass das Herz Jesu heute in unserer Umgebung blutet, können wir diesem nicht ausweichen und mit billigen oder halbherzigen Antworten abspeisen. Das wäre ein Hohn.

Wenn wir erfassen, dass es der HERR ist, der da blutet, werden wir von selbst nicht mehr so weiterleben wollen wie bis her. Wir werden uns nicht der Welt angleichen, sondern uns wandeln und unser Denken erneuern. Denn "angesichts des Erbarmens Gottes können wir nicht anders als, uns selbst als lebendiges und heiliges Opfer darzubringen; das wird dann für uns der wahre und angemessene Gottesdienst sein (vgl. Röm 12,1).


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