Predigt in der Osternacht

15. April 2017, Klosterkirche Einsiedeln, Pater Philipp Steiner

Liebe Brüder und Schwestern!

Vielleicht ist Ihnen in den letzten Tagen auch eines dieser seltenen Exemplare in die Hände geraten… Was ich in der Hand halte, gehört zu einer Gattung, die akut bedroht ist und wohl dem Aussterben entgegengeht. Um was handelt es sich dabei? Es ist eine Osterkarte ohne Abbildung eines Osterhasen oder einer banalen Frühlingswiese, sondern eine Karte mit einer klaren christlichen Botschaft. Sie ist ein Glaubensbekenntnis.

Die Karte ziert ein bekannter Ausspruch von Dietrich Bonhoeffer, der im Jahr 1945 kurz nach Ostern hingerichtet wurde: "Wer Ostern kennt, kann nicht verzweifeln."

Liebe Schwestern und Brüder!

Ich weiss nicht, ob das eben gehörte Oster-Evangelium bei ihnen eine solche Glaubensgewissheit auslöst, so dass Sie vor jedem Zweifel gefeit wären. Bei mir ist es jedenfalls nicht so. Für felsenfeste Sicherheit ist bei mir heute Abend noch kein Platz – wohl ganz ähnlich wird es auch den Frauen am leeren Grab ergangen sein. Für mich ist diese Osternacht das, was sie auch seit alters her sein will: eine Zeit des Wartens, des Übergangs und der Sendung. Sie ist ein Aufbruch ins Ungewisse. Denn sie ist eine Nacht, die mich ganz in Pflicht nimmt. Dies vor allem aus einem besonderen Grund…

Auch dieses Jahr werden wir hier in der Klosterkirche in der Osternacht keine Tauffeier haben. Wir können uns darum nicht über ein süsses Baby freuen oder über den Entschluss eines jüngeren oder älteren Menschen staunen, nach Jahren der Suche bewusst die Taufe zu empfangen. Nein, heute geht es um uns! Wir werden aufgefordert, unsere eigene Taufe bewusst zu erneuern, wieder neu Ja zu sagen zu unserer Berufung. Die Kirche nimmt uns in dieser Feier in die Pflicht. Genau darum hat Ostern auch für uns heute Relevanz. Die Dramaturgie dieser Feier macht dies an einem einfachen Symbol deutlich.

Die kleinen Kerzen, die zu Beginn der Osternacht an der Osterkerze entzündet wurden, sind ja nichts anderes als praktischer Ersatz unserer zu Hause gebliebenen Taufkerzen. Darum werden wir diese – falls sie in der Zwischenzeit ausgelöscht wurden – für die Tauferneuerung wieder neu entzünden.

So soll deutlich werden: Was vor bald 2000 Jahren in der ersten Osternacht geschah, das will auch unser Leben treffen und verwandeln. Wir selber sind gefordert, Ostern zu einem glaubhaften Ereignis werden zu lassen, das Kreise zieht, das ganz konkrete Auswirkungen hat. Und dies geschieht durch das Leben unserer Berufung als getaufte Christinnen und Christen. Wir bezeugen Jesu Botschaft, seinen Tod und seine Auferstehung durch unsere Glaubenspraxis. Und hier kommen wir wieder sehr nah an die eingangs erwähnte Osterkarte. Denn im Zweiten Korintherbrief schreibt der Apostel Paulus im Blick auf die Berufung der ersten Christengeneration: "Unverkennbar seid ihr ein Brief Christi, […] geschrieben nicht mit Tinte, sondern mit dem Geist des lebendigen Gottes, nicht auf Tafeln aus Stein, sondern - wie auf Tafeln - in Herzen von Fleisch" (2 Kor 3,3).

Nun würde es etwas abstrakt bleiben, würden wir bei diesem schönen Bild vom Brief Christi stehen bleiben. Denn es steht noch eine Frage im Raum: Wie verwirklichen wir nun diese Taufberufung, die im Ostergeheimnis ihren Ursprung und ihre Begründung hat? Hier kommt uns das Evangelium der Osternacht zu Hilfe. Dort steht ein Satz, der alles ins rechte Licht rückt, der unsere Berufung als Getaufte letztlich erst lebbar macht. Nachdem die Frauen mit dem Auftrag des Engels vom Grab weglaufen heisst es: "Plötzlich kam ihnen Jesus entgegen […]" (Mt 28,9). Dieses überraschende Entgegenkommen Jesu gilt es in unserem Leben zu entdecken.

Liebe Schwestern und Brüder,

Auf dem Predigtplan, mit welchem mir am Silvesterabend die heutige Osternachtspredigt zugeteilt wurde, steht in Klammern "kurz". Ich muss hier also zum Schluss kommen. Es gäbe noch vieles zu sagen, aber es bestünde dann auch die Gefahr, das Geheimnis von Ostern zu zerreden. Darum lade ich Sie ein, dass Sie diese Predigt fortschreiben – "in Herzen von Fleisch". Seien Sie selber der Osterbrief Gottes an unsere Zeit, indem Sie mit Ihrer Taufberufung ernst machen. Zeigen Sie den Menschen, denen Sie in den kommenden Tagen begegnen, dass Ostern wirklich Grund zur Hoffnung ist. Denn auch für uns gilt: "Wer Ostern kennt, kann nicht verzweifeln." – weil Christus uns entgegenkommt!


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