Predigt am Ostersonntag

16. April 2017, Klosterkirche Einsiedeln, Abt Urban Federer

Liebe Auferstandene

Ja, Sie sind gemeint! Sie haben nicht falsch gehört: Ich habe nicht gesagt: liebe eben erst Aufgestandene. Ich bleibe dabei: Liebe in Christus Auferstandene! Jetzt tönt es schon besser, nicht? Nur wissen Sie vermutlich immer noch nicht, warum ich Sie so anspreche. Am Ende der Predigt sollten Sie das, so hoffe ich jedenfalls, wissen.

Gehen wir mit unseren Gedanken zuerst nach Jerusalem. Wer dort die Grabkammer aufsucht, in der nach der Überlieferung Jesus beigesetzt wurde, findet sie so vor wie im heutigen Evangelium die Apostel Petrus und Johannes: leer. Heute ist diese Grabkammer aber herrlich geschmückt, vor allem auch mit einem Silberrelief. Dieses sieht jenem einzigen Bild in unserer Klosterkirche verblüffend ähnlich, das die Auferstehung Christi zeigt, nämlich der Türe unseres Tabernakels im Unteren Chor. Auf dem Jerusalemer Relief sind aber fast alle Soldaten am Schlafen, als der Herr herrlich und strahlend das Grab verlässt, während auf der Einsiedler Tabernakeltüre die Soldaten Hektik, ja schon fast Panik ergreift, weil sie nicht wissen, was da geschieht. – Vielleicht ist das ja typisch für Einsiedeln, wo hier doch immer so viel los ist. – Aber nicht nur dieses Bild der Auferstehung verbindet Einsiedeln mit Jerusalem. Die Grabkammer selbst befindet sich in einer Kapelle, die wiederum in der grösseren Grabeskirche steht. 1808 wurde diese Grabkapelle zerstört und 1810 wieder aufgebaut. 1798 wurde unsere Gnadenkapelle zerstört – ebenfalls eine Kapelle in einer grösseren Kirche – und wurde 1817 wieder errichtet, vor 200 Jahren. Ich spreche hier also von zeitlichen Schwestern, wenn ich die Grabkapelle in Jerusalem und die Einsiedler Gnadenkapelle miteinander erwähne.

Was will dieser Vergleich uns sagen? Zuerst einmal Werbung in eigener Sache: Niemand muss nach Jerusalem, wenn doch Einsiedeln so nahe ist! Tatsächlich haben die Erbauer unserer Kirche wohl so gedacht, was ich jetzt nicht näher erklären kann. Wichtiger als diese PR-Einlage ist aber das Motto, das unsere Wallfahrtsleitung dem Jubiläum «200 Jahre Gnadenkapelle» gegeben hat. Es lautet: «Stell mein Haus wieder her.» Diese Worte vernahm 1205 der hl. Franziskus vor dem Kreuz in der verfallenen Kirche San Damiano von Gott. Franziskus nahm die Aufforderung wörtlich und stellte das Gotteshaus wieder her. Doch eigentlich hat er viel mehr gemacht: Durch sein Beispiel und die Gründung des Franziskanerordens hat er wesentlich zur Erneuerung der Kirche beigetragen – sonst hätte Papst Franziskus nicht seinen Namen gewählt. Mit dem Motto «Stell mein Haus wieder her» entfernen wir uns vom Wiederaufbau unserer Kapellen, denn es geht auch in Jerusalem und Einsiedeln nicht in erster Linie um Gebäude, die ja auch immer wieder zerstört werden können, sondern um uns: um den Leib Christi, die Kirche, die aufgebaut ist aus lebendigen Steinen: von uns Glaubenden! Dieses Haus soll immer wieder neu hergestellt werden – und das Fundament dieses Hauses ist der Osterglaube! Die Grabkapelle in Jerusalem hütet das leere Grab. Es hat schon zu Beginn Menschen herausgefordert zu glauben, heisst es doch im Evangelium vom hl. Johannes: «Da ging auch der andere Jünger, der zuerst an das Grab gekommen war, hinein; er sah und glaubte.» Johannes ist dem Auferstandenen noch nicht begegnet, auch hat er keinen Auferstehungsengel gesehen. Aber alles, was er von Jesus erfahren und gehört hatte und was durch die Trauer von Leiden und Kreuz zu verschütten drohte, bricht beim Anblick des leeren Grabes wieder auf: Er sieht und glaubt. Zeigt nicht auch die Einsiedler Madonna uns ihren Sohn, damit wir sehen und glauben können?

Jetzt kann jemand von uns sagen: ja gut, das war der hl. Johannes, aber ich kann Ostern nicht verstehen. – Ostern entzieht sich unserem Verstand: Johannes glaubte, während er das leere Grab sah. Warum? Weil er liebte. Die Liebe macht dazu fähig. Haben Sie gemerkt, dass auch wir im Evangelium Platz haben? Von Maria Magdalena heisst es: «Da lief sie schnell zu Simon Petrus und dem Jünger, den Jesus liebte». Johannes wird namentlich gar nicht genannt. Maria rennt darum auch zu uns, weil Christus seit unserer Taufe auch uns als seine geliebten Söhne und Töchter angenommen hat. Glaube hat demnach mit Beziehung zu tun, mit Liebe. Und diese will seit unserer Taufe in uns wachsen. Ostern will unser Taufgnade wieder wach rütteln, wiederherstellen. Darum haben wir in der Osternacht unseren Glauben so erneuert, wie wir das bei der Taufe tun. «Stell mein Haus wieder her.»

Liebe Brüder und Schwestern, in Einsiedeln können wir Ostern feiern wie in Jerusalem: trotz aller Hektik, die uns in der Schweiz tagtäglich umgibt, können wir hier aufbauen an der Kirche Gottes, an der Gemeinschaft der Glaubenden. Und das sind jene Menschen, die nicht bei Katastrophen und Verletzungen stehenbleiben und nur noch zynisch ihren Hass und möglichst anonym in die Tasten und damit ins Internet geben. Wer auf den Tod und die Auferstehung Jesu getauft worden ist, dessen Leben ist von Christus her geprägt, also von der Beziehung mit dem, der uns liebt. Das meint der hl. Paulus in der Lesung, wenn er sagt: «Ihr seid mit Christus auferweckt; darum strebt nach dem, was im Himmel ist, wo Christus zur Rechten Gottes sitzt.» Der Kolosserbrief erklärt also mutig, dass Glaubende bereits als Auferstandene leben, dass Christinnen und Christen von dieser neuen Wirklichkeit der Hoffnung her leben. Darum nannte ich Sie, meine Lieben, zu Beginn «liebe Auferstandene»! Bauen wir uns also gegenseitig in der Hoffnung auf, denn diese braucht unsere Welt mehr als alles andere. Helfen wir einander, mehr liebende Menschen zu werden, denn nur die Liebe kann machen, dass wir sehen und glauben, wo andere sagen: Das gibt es nicht, oder: es ist eh alles umsonst.

Liebe in Christus Auferstandene, ich wünsch Euch allen den Mut, aus dieser neuen Wirklichkeit von Ostern zu leben. Nehmen wir dazu den Auftrag Gottes mit in unseren Alltag: «Stell mein Haus wieder her!» Amen.


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