Predigt am Hochfest Unserer Lieben Frau von Einsiedeln

16. Juli 2017, Klosterkirche Einsiedeln, Pater Martin Werlen

"Warum ist die Madonna von Einsiedeln schwarz?"

Liebe Schwestern und Brüder, diese Frage wird bei Führungen immer wieder gestellt. Wir Mönche haben uns daran gewöhnt und erzählen aus der Geschichte des Gnadenbildes. Im Laufe der Jahrhunderte ist es schwarz geworden vom Russ der Kerzen und des Weihrauches. Das ist verständlich, wenn wir bedenken, dass die Gnadenkapelle bis 1798 nur einen kleinen Eingang hatte. 1798 haben die Mönche das Gnadenbild vor den einmarschierenden französischen Soldaten nach Österreich gerettet. Die Gnadenkapelle wurde in der Folge von den Franzosen niedergerissen und erst 1817 wieder aufgebaut – also vor genau 200 Jahren – in der Form, wie wir sie heute kennen. Das Gnadenbild wurde vor der Rückkehr in Österreich restauriert. Es war nicht mehr schwarz. Die Leute aber waren so gewohnt an das schwarze Bild. Und darum wurde es schwarz angemalt.

Eigentlich, so könnte man meinen, ist damit das Wichtigste gesagt. Und doch: Die Frage "Warum ist die Madonna von Einsiedeln schwarz?" provoziert geradezu eine tiefere Antwort, die zum Fest führt, das wir heute feiern. Und die Überraschung: Die Antwort gibt uns Maria selbst. Sie hält Jesus auf dem Arm und zeigt ihn uns. Er ist die Hauptfigur unseres Gnadenbildes – und nicht etwa Maria. Genauso wie in der Krippendarstellung hier oben in der Weihnachtskuppel. Das Kind ist zwar klein, aber es ist das Zentrum. Das will uns wohl niemand sonst so klarmachen wie Maria selbst. Wie den Jüngern bei der Hochzeit zu Kana, so sagt sie heute zu uns: "Was er euch sagt, das tut!" (Joh 2,5). Auch im heutigen Evangelium ist Jesus das Zentrum: Er gibt den Jünger Johannes seiner Mutter zum Sohn. Er gibt uns allen Maria zur Mutter. Jesus steht im Zentrum. Wenn wir diese Botschaft unseres Gnadenbildes hören, dann stellen wir – entgegen der Frage – erstaunt fest, dass nicht nur die Madonna von Einsiedeln schwarz ist, sondern auch das Jesuskind. Das Gnadenbild von Einsiedeln ist nicht die Schwarze Madonna. Das Gnadenbild von Einsiedeln ist das schwarze Jesuskind mit seiner schwarzen Mutter.

Im Zentrum ist das Jesuskind. Ihm verdankt Maria die Farbe. Das bekennen wir Mönche von Einsiedeln jedes Jahr mehrmals in den Gottesdiensten am Fest Unserer Lieben Frau von Einsiedeln mit den Worten aus dem Hohelied, die wir vorhin als Lesung gehört haben. Das Hohelied ist ein Liebeslied. In der Frau wurde in Erklärungen dieses Liedes durch die Jahrhunderte hindurch oft Maria gesehen. So auch in den Gebetszeiten am Einsiedlerfest. Und genau hier bekennt Maria, dass sie ihre Hautfarbe von Jesus hat. "Schwarz bin ich und schön." Und wenn jemand fragt, warum die Madonna von Einsiedeln schwarz ist, sagt sie im Hohelied: "Schaut mich nicht so an, weil ich so schwarz bin! Die Sonne hat mich verbrannt." Und die Sonne, das ist im Verständnis vieler grosser Heiliger Jesus Christus, die Sonne der Gerechtigkeit. "Schaut mich nicht so an, weil ich so schwarz bin! Die Sonne hat mich verbrannt." Wer viel in der Sonne ist, wird gebräunt. Wenn ich einen Blick hier in die Klosterkirche werfe, sehe ich sofort, wer schon Ferientage hinter sich hat und wer nicht. Wer viel in der Sonne ist, wird gebräunt. Das kennen wir aus eigener Erfahrung. Wer nahe bei Jesus ist, der Sonne der Gerechtigkeit, der wird von ihm geprägt, verändert. Wer nahe bei Jesus ist, wird immer mehr Jesus ähnlicher. Maria war Jesus nahe wie niemand sonst. Von Anfang an war sie gebräunt von Jesus Christus. Das lernen wir in der Gnadenkapelle: Das Gnadenbild von Einsiedeln ist das schwarze Jesuskind mit seiner schwarzen Mutter.

"Warum ist die Madonna von Einsiedeln schwarz?"
Hinter dieser Frage versteckt sich eine Haltung, die das Zentrum nicht wahrnimmt und die die weisse Hautfarbe als normal betrachtet. Über Jahrhunderte konnten wir uns tatsächlich als die Mitte der Welt verstehen. Dieser Versuchung können wir auch heute noch erliegen. So trägt die Geschichte einer Schweizer Zeitschrift, die Woche für Woche die Welt kommentiert, den Titel: "Die Schwarzen kommen." Die Geschichte will Angst machen und zum abwehrenden Handeln bewegen. Geprägt sind die Gedanken von dem verheerenden Verständnis, dass hellhäutige Rassen überlegen sind und dazu bestimmt, sich von den dunkleren dienen zu lassen. Auch wenn wir das heute nicht mehr sagen: Zumindest in Ruhe lassen sollen sie uns. Dabei haben wir immer mehr vergessen, dass die meisten Menschen auf dieser Erde nicht eine weisse Hautfarbe haben. Als Menschen aus Palästina auch Jesus und Maria nicht. Sie waren nicht Europäer. Das Gnadenbild ruft uns etwas Überraschendes in Erinnerung: Die originale Hautfarbe des Menschen ist schwarz. Wenn wir weit zurückgehen, werden wir entdecken, dass wir alle aus Afrika hierhergekommen sind. Denn nach heutigen unbestrittenen Erkenntnissen begann die Ausbreitung des Menschen über die Erde in Afrika. "Die Schwarzen kommen" – hätte man damals schreiben können. Und darum sind wir hier. Der blasse Teint entwickelte sich erst allmählich, nachdem einige unserer Vorfahren vor 100‘000 bis 70‘000 Jahren Afrika verliessen und sich in Breiten mit weniger intensivem Sonnenlicht ausbreiteten. Eine Professorin sagt dazu: "Ihre Körper mussten weniger Pigmente bilden, damit durch die Haut genug UV-Strahlung eindringen und sie genug Vitamin D bilden konnten. Weisse Haut ist somit eine rein biologische Anpassungsreaktion auf verändertes Klima. Zur Klassifizierung von Menschen taugt sie nicht." Die originale Hautfarbe des Menschen ist schwarz. Adam – ist der erste Mensch, der originale Mensch. Jesus Christus ist der neue Adam. Daran erinnert uns das Gnadenbild hier in Einsiedeln.

"Das ist jetzt aber doch ein wenig weit hergeholt", mögen einige denken und vielleicht sogar die Kirche verlassen. "Die schwarze Farbe unseres Gnadenbildes hat doch nichts zu tun mit der Hautfarbe von Menschen." Ist dem tatsächlich so? Als unsere Klostergemeinschaft Mitte des 19. Jahrhunderts in den USA ein Kloster gründete, gab sie auch eine Kopie des Gnadenbildes mit. Dieses wurde allerdings sofort weiss gestrichen. Schwarze Menschen waren Sklaven oder sie wurden zumindest minderwertig betrachtet. Und das gehörte sich doch nicht für Jesus und Maria. Sie mussten als Menschen aus Europa dargestellt werden. Erst 1954 wurde im Kloster Saint Meinrad eine schwarze Kopie des Gnadenbildes aufgestellt. Unser damaliger Abt Benno Gut hatte diese bei seinem Besuch zur Hundertjahrfeier mitgenommen. Im selben Jahr nahm die Gemeinschaft auch zum ersten Mal einen Novizen mit schwarzer Hautfarbe auf. Und 55 Jahre dauerte es noch, bis zum ersten Mal ein Schwarzer Präsident der USA wurde.

Liebe Schwestern und Brüder, das Gnadenbild von Einsiedeln ist eine Schule unseres Glaubens. Es lehrt uns, dass Jesus das Zentrum ist. Von ihm her ist Maria von Anfang an bis ins Tiefste geprägt. Jesus hat am Kreuz Maria auch uns zur Mutter geschenkt. Jesus und Maria erinnern uns an den originalen Menschen schlechthin. Sie sind der neue Adam und die neue Eva. Man kann nicht das Gnadenbild von Einsiedeln verehren und Menschen aus anderen Kulturen verachten oder mit ihnen nichts zu tun haben wollen. Hier beim Gnadenbild erahnen wir, wer der Mensch ist – unabhängig von seiner Herkunft und seiner Hautfarbe. Hier lernen wir den Menschen zu lieben. Hier haben wir – Gott sei Dank - auch jeden Tag die Möglichkeit, Menschen aus anderen Kulturen zu begegnen, mit ihnen zu beten und mit ihnen über unseren Glauben auszutauschen. So wird Glaube lebendig. Er lässt Mauern überspringen. Wir werden aus Enge und Angst herausgeführt und erfahren, wie sich unser Herz weitet. Das tut uns gut und auch anderen. Hören wir, was Maria uns an diesem Ort zuruft: "Schwarz bin ich und schön. Schaut mich nicht so an, weil ich so schwarz bin! Die Sonne hat mich verbrannt." Möge Christus, die Sonne der Gerechtigkeit, auch uns ganz gehörig bräunen!


Gedruckt am 21.9.2017 / www.kloster-einsiedeln.ch, © 2017 kloster-einsiedeln.ch