Predigt am Rosenkranzsonnstag

1. Oktober 2017, Klosterkirche Einsiedeln, Pater Philipp Steiner

Liebe Schwestern und Brüder,

Ich bin dankbar, dass der heutige "Rosenkranzsonntag" unseren Blick auf etwas lenkt, das ganz selbstverständlich zu unserer Glaubenspraxis gehört, aber in der Predigt doch nur sehr selten zur Sprache kommt: das Gebet. Auch wenn das Rosenkranzgebet nur eine Gebetsweise aus der reichen Tradition kirchlichen Betens darstellt, kann anhand des Rosenkranzes exemplarisch gezeigt werden, was das christliche Beten eigentlich sein will.

Eine wichtige Hilfe dazu sind die Schrifttexte des heutigen Festtages. In der Lesung aus der Apostelgeschichte wird deutlich: Christliche Gemeinschaft ist Gemeinschaft des Gebets. Dort heisst es von den Aposteln: "Sie alle verharrten […] einmütig im Gebet, zusammen mit den Frauen und mit Maria, der Mutter Jesu, und mit seinen Brüdern" (Apg 1,14). Christliches Gebet ist also von Beginn an ein Gebet der Gemeinschaft.

Was sagt diese Feststellung über den Rosenkranz? Wenn wir ihn in die Hand nehmen, dann setzten wir uns in Beziehung mit allen Glaubenden. Diese Glaubensgemeinschaft ist exemplarisch dargestellt in der betenden Urgemeinde im Abendmahlsaal. Und Maria ist dort mittendrin.

Das Rosenkranzgebet ist wie jedes Gebet ein Gebet der Beziehung. Es geht letztlich immer um die Begegnung mit Jesus Christus. Maria ist dabei eine grosse Hilfe, indem sie unseren Weg hin zu dieser Begegnung unterstützt. Der heilige Papst Johannes Paul II. hat in diesem Zusammenhang ein Wort geprägt, das uns diesem Geheimnis der Begegnung näherbringt. Er schreibt in seiner Rosenkranzenzyklika Rosarium Virginis Mariae: "Mit dem Rosenkranz geht das christliche Volk in die Schule Mariens, um sich in die Betrachtung der Schönheit des Antlitzes Christi und in die Erfahrung der Tiefe seiner Liebe einführen zu lassen" (RVM 1).

Wenn wir den Rosenkranz beten, dann beten wir also nicht allein. Wir sind in guter – ja bester! – Gesellschaft. Maria nimmt uns an der Hand und lehrt uns durch ihr Beispiel, wie das geht: sich "in die Erfahrung der Tiefe seiner Liebe einführen zu lassen". Maria geht mit uns den Weg, Schritt für Schritt, Perle für Perle. Maria drängt sich dabei nicht auf, sie nimmt sich zurück und gibt dem Raum, der Alles in Allem sein soll. Wie im Abendmahlsaal, so ist sie auch im Rosenkranzgebet ganz selbstverständlich da und betet mit. Mit ihr zusammen bewahren wir alles, was im Leben Jesu geschehen ist, in unserem Herzen und denken darüber nach (vgl. Lk 2,20).

In diesem Jahr gedenkt die Kirche der Erscheinungen der Jungfrau Maria in Fatima vor 100 Jahren. Wie auch in Lourdes im Jahr 1858, so lud die Gottesmutter auch dort zum Rosenkranzgebet ein. Warum?

Es scheint mir, dass uns dieses Gebet mehr als andere Gebetsweisen zu zwei geistlichen Grundhaltungen finden lässt, die uns Christen prägen sollten. Es sind dies: Einfachheit und Offenheit. Es sind jene Haltungen, welche Maria auszeichnen, als die Botschaft des Engels an sie erging und sie sagen liess: "Ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast" (Lk 1,38).

Einfachheit und Offenheit sind grundsätzlich Kindern eigen. Leider gehen diese beiden Grundhaltungen im Laufe der Zeit verloren oder wir verlernen es, aus ihnen heraus zu leben. Das Rosenkranzgebet ist in seiner Einfachheit und Schlichtheit ein wunderbares Instrument, wieder zurückzufinden zu dieser unbeschwerten Beziehung zu Gott und zum Leben insgesamt.

Die für das Rosenkranzgebet charakteristischen Wiederholungen und der daraus entstehende Rhythmus können uns helfen, zu dieser ursprünglichen Einfachheit zurückzufinden.

Die Wiederholung ist der Sprache der Liebe eigen. Aber auch unser Leben ist eine Folge von Wiederholungen. Wiederholung ist gleichsam das Lebensgesetz des Wachstums. Das Rosenkranzgebet nimmt diese Erfahrung auf. Das Gebet verweist uns auf die Natur – und umgekehrt: Wie die Jahresringe einen Baum wachsen lassen, so lässt das wiederholende und betrachtende Gebet uns auf den Herrn hin "wachsen". Wie in der Natur, so geschieht dies auch im Gebet von innen heraus.

Liebe Brüder und Schwestern!

Ich möchte diese Gedanken zum Rosenkranzgebet nicht schliessen ohne einen Blick auf die vielfältige Realität zu werfen, die selten deckungsgleich ist mit den Überlegungen, die ich eben mit Ihnen geteilt habe. Auch wenn der Rosenkranz heute von manchen wieder neu entdeckt wird, fehlt vielen Gläubigen in unseren Breitengraden der Zugang zu dieser Gebetsform. Manche haben den Rosenkranz vor Jahren auf die Seite gelegt oder wurden nie mit ihm vertraut.

Was soll man diesen Personen sagen? Beten lernt man durch Beten. Nur wer sich aufs Gebet einlässt, der wird auch seine Erfahrungen damit machen. Das gilt auch vom Rosenkranz. Er ist ein geistliches Werkzeug, das uns angeboten ist. Nägel kann man mit allerhand einschlagen. Aber mit nichts geht es leichter als mit einem Hammer. Beten kann man auf verschiedene Weise, aber kein Gebet hilft uns so sehr, zu den oben genannten marianischen Grundhaltungen zu gelangen als der Rosenkranz.

Aber ein Werkzeug will richtig angewandt werden und braucht – je nach Komplexität – eine Einführung und eine gewisse Zeit der Einübung. Wieso es nicht einmal mit dem Rosenkranz versuchen? Der Rosenkranzmonat Oktober kann eine solche Zeit des Versuchens sein. Lassen wir uns vom Resultat überraschen! Amen.


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