Predigt am Meinradssonntag

8. Oktober 2017, Klosterkirche Einsiedeln, Pater Martin Werlen

‚Stell mein Haus wieder her!‘

Das, liebe Schwestern und Brüder, ist das Motto des Jubiläumsjahres ‚200 Jahre Gnadenkapelle‘, das wir heute abschliessen. Sie können es auf den Bannern lesen, die an den Aussenmauern der Gnadenkapelle hängen. Vor 200 Jahren wurde die jetzige Gnadenkapelle aufgebaut, die von den französischen Revolutionssoldaten fast 20 Jahre zuvor zerstört worden war.

‚Stell mein Haus wieder her!‘ – Dieses Motto ist der Lebensbeschreibung des heiligen Franz von Assisi entnommen. Im Jahre 1206 suchte der Heilige im zerfallenen Kirchlein San Damiano im Gebet Orientierung für sein Leben. Das Kreuz dort zeigt Christus nicht als den Herrscher, der auf einem goldenen Thron sitzt, wie das in der Zeit der Romanik üblich war. Das Kreuz in San Damiano zeigt Jesus nackt am Kreuz, schlicht und verachtet in menschlicher Armut. Hier hat der suchende junge Mann die Gegenwart Gottes erfahren, ergreifend und befreiend wie nie zuvor. Jesus Christus zeigt sich ihm hier nicht als der Herr der Herren, sondern als Freund der Kleinen, Gefallenen und Verstossenen. Aus dieser Erfahrung heraus beginnt er ein neues Leben. Er beginnt, das Haus Gottes wieder herzustellen. Nicht das Gebäude, das vergeht, sondern das Haus Gottes, das die Kirche als Gemeinschaft aller Getauften ist. ‚Stell mein Haus wieder her!‘ ist ein gewagtes Motto für das Jubiläumsjahr ‚200 Jahre Gnadenkapelle‘. Die Wallfahrtsleitung verstand es zudem als Aufruf an alle Getauften, an der Erneuerung der Kirche mitzuwirken. Also auch an uns alle, die wir heute hier versammelt sind.

Diesen Aufruf ‚Stell mein Haus wieder her!‘ hören wir am heutigen Meinradssonntag. Wir feiern diesen Tag feierlich, weil am 6. Oktober 1039 die Reliquien des heiligen Meinrad vom Kloster auf der Insel Reichenau hierher zurückgebracht wurden. Bis zu seinem gewaltsamen Tod hatte er hier im Finsteren Wald als Einsiedler gelebt, dort, wo jetzt die Gnadenkapelle steht. Meinrad hatte, ähnlich wie der Heilige von Assisi, alle Sicherheiten seines Lebens aufgegeben und die Einsamkeit in dieser damals so abgelegenen Gegend aufgesucht. Er hat gewagt zu tun, was er als seinen Auftrag erkannt hatte. Hier wollte er schlicht und einfach Gott und den Menschen dienen. Das kommt in den Lesungen am Fest des heiligen Meinrad eindrücklich zum Ausdruck. Abram erhält von Gott den Auftrag, aus seinem Land wegzuziehen, von seiner Verwandtschaft und seinem Vaterhaus Abschied zu nehmen und in das Land zu ziehen, das er ihm zeigen werde. Und im Evangelium sagt Jesus zu einem jungen Mann: "Geh, verkaufe, was du hast, gib das Geld den Armen, und du wirst einen bleibenden Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir nach!" Der heilige Meinrad hat das Ja gewagt. Und tatsächlich: Wie viele Menschen hat er über die Jahrhunderte durch sein Lebenszeugnis aufgerufen, die Stimme Gottes zu hören: ‚Stell mein Haus wieder her!‘

Was heisst dieser Aufruf ‚Stell mein Haus wieder her!‘ für uns? Um eine Antwort auf diese Frage zu erhalten, wollen wir hier noch das Fenster zu einem anderen Jubiläumsjahr öffnen: 600 Jahre Bruder Klaus. In einem Mysterienspiel der Benediktinerin Silja Walter über Bruder Klaus kommt ein Monsignore zusammen mit einem Herrn Waldheim aus Deutschland aus der Zelle des Heiligen im Ranft, stösst dabei den Kopf an und verliert den Hut. Dann sagt Waldheim: "Hoho, Monsignore! Sie tragen den Kopf zu hoch. Hier im Ranft ist der Türsturz sehr nieder." Ist das nicht ein Wort für heute? Wie überheblich sind wir als Getaufte, wenn wir die Hoffnung haben, dass wieder alles so kommt, wie es einmal war oder so bleibt, wie es ist! Da tragen wir den Kopf sehr hoch. Oder wenn wir die Hoffnung haben, dass wir in Zukunft in unseren Breitengraden so privilegiert sind wie bisher. Auch als Kirche. "Hoho, Monsignore, Sie tragen den Kopf zu hoch. Hier im Ranft ist der Türsturz sehr nieder." Die christliche Hoffnung ist nie rückwärtsgewandt. Sie wagt den Schritt vorwärts. Das hält uns Bruder Klaus deutlich vor Augen, aber auch der heilige Meinrad und der heilige Franziskus. Und alle drei verweisen uns auf das Wort Gottes, das wir heute gehört haben. Wir können nicht die Heiligen verehren und dabei meinen, wir seien besonders fromm, und nicht das merken und realisieren, was sie vorgelebt haben. Im Mysterienspiel von Silja Walter sagt der Monsignore weiter:
Meine Herren,
dieser Klausner Klaus diskriminiert
die Machtpolitik der Kirche
in Wort und Tat
als personifizierter Protest.
Er betrachtet sich als Gottgesandten,
beauftragt,
den Eremitenstand in unserer Zeit
wieder authentisch zum Leben zu erwecken,
das alte Mönchtum der Thebais,
und predigt die arme Kirche
als einzig glaubwürdige und wirksame Reform.

"Die arme Kirche als einzig glaubwürdige und wirksame Reform." Beim Zweiten Vatikanischen Konzil haben 40 von den über 2000 anwesenden Bischöfen in der Domitilla-Katakombe ein eindrückliches Gelübde abgelegt: Verzicht auf äussere Macht, Privilegien und Ehrentitel. Sie verpflichteten sich zu einem Leben in Einfachheit an der Seite der Armen und als Anwalt für Arme und Rechtlose. Sie wussten: "Wie schwer ist es für Menschen, die viel besitzen, in das Reich Gottes zu kommen!" Die Bischofsgruppe, zu der auch Dom Helder Camara gehörte, hatte den Namen ‚Kirche der Armen‘. Das, was in ‚Kirche der Armen‘ im Katakombenpakt gewagt worden ist, das ist in Papst Franziskus – Gott sei Dank – wieder lebendig geworden.

Liebe Schwestern und Brüder, wir alle sind aufgerufen, zusammen mit Papst Franziskus den Aufruf Jesu zu hören und ihm zu folgen: ‚Stell mein Haus wieder her!‘ Die heiligen Meinrad, Franz von Assisi und Bruder Klaus ermutigen uns, wie Abram Sicherheiten aufzugeben und neue Schritte zu wagen. Wenn wir dem Wort Jesu mehr trauen als unseren eingefleischten Gewohnheiten, geschehen auch heute grosse Wunder. Die genannten Heiligen halten uns die arme Kirche als einzig glaubwürdige und wirksame Reform vor Augen. Vielleicht erschrecken wir ob solchen Gedanken wie die Jünger erschraken und zueinander sagten: "Wer kann dann noch gerettet werden? Jesus sah sie an und sagte: Für Menschen ist das unmöglich, aber nicht für Gott; denn für Gott ist alles möglich." Wagen wir es, uns diesem Gott heute neu anzuvertrauen! Dann feiern wir nicht den Abschluss des Jubiläumsjahres ‚Stell mein Haus wieder her‘, sondern den Anfang.


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