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Karwochenpredigt

So 14. April 2019 

Um 19.30 Uhr findet jeweils die Karwochenpredigt in der Klosterkirche statt. Anschliessend Komplet.

P. Cyrill Bürgi OSB spricht über: "Wir leben aus der Hoffnung und glauben an die Liebe. Das tönt schön, doch was bedeutet das heute für unsere Lebenssituation?"

1. Karwochenpredigt: Die Tugend der Hoffnung
(siehe unten)

2. Karwochenpredigt: Die Tugend des Glaubens
(siehe unten)

3. Karwochenpredigt: Die Tugend der Liebe
(siehe unten)

1. Karwochenpredigt

Die Tugend der Hoffnung

Zuhause haben wir jeweils in der Familie den Rosenkranz gebetet. Zu Beginn kamen immer die drei Gegrüsst seist du, Maria mit den Zusätzen "Jesus, der in uns den wahren Glauben vermehre", "Jesus, der in uns die christliche Hoffnung stärke", "Jesus, der in uns die göttliche Liebe entzünde". Die drei Adjektive "wahr", "christlich" und "göttlich" machten mich nachdenklich. Heute glaube ich gar, dass sie gefährlich sein können, wenn wir sie gebrauchen, um uns von anderen Konfessionen abzugrenzen. Diese innere Auseinandersetzung hat mich die drei sogenannten göttlichen Tugenden "Glaube, Hoffnung und Liebe" neu entdecken lassen. Dies möchte ich mit euch in diesen Karwochenpredigten teilen. Deswegen bin ich auf folgende Überschrift gekommen: «Wir haben eine Hoffnung und glauben an die Liebe.» Das tönt sehr schön. Was bedeutet das aber in meiner Lebenssituation? Eigentlich erhoffe ich mir vielmehr, dass wir uns gegenseitig stärken gemäss dem Apostel Paulus "dass wir miteinander Zuspruch empfangen durch den gemein-samen Glauben, euren und meinen" (Röm 1,12).
Nach den Predigten werden wir jeweils ein Gesetzlein des Rosenkranzes beten mit der betrachteten Tugend.
Nun lasst uns beten:

Gebet

Gott, du unsere Hoffnung und unsere Kraft,
ohne dich vermögen wir nichts.
steh uns mit deiner Gnade bei,
damit wir denken, reden und tun was dir gefällt.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.
 

Lesung aus dem Brief an die Hebräer (Hebr 10,19-25)

19 Wir haben die Zuversicht, Brüder und Schwestern, durch das Blut Jesu in das Heiligtum einzutreten. 20 Er hat uns den neuen und lebendigen Weg erschlossen durch den Vorhang hindurch, das heißt durch sein Fleisch. 21 Und da wir einen Hohepriester haben, der über das Haus Gottes gestellt ist, 22 lasst uns mit aufrichtigem Herzen und in voller Gewissheit des Glaubens hinzutreten, die Herzen durch Besprengung gereinigt vom schlechten Gewissen und den Leib gewaschen mit reinem Wasser! 23 Lasst uns an dem unwandelbaren Bekenntnis der Hoffnung festhalten, denn er, der die Verheißung gegeben hat, ist treu! 24 Lasst uns aufeinander achten und uns zur Liebe und zu guten Taten anspornen! 25 Lasst uns nicht unseren Zusammenkünften fernbleiben, wie es einigen zur Gewohnheit geworden ist, sondern ermuntert einander, und das umso mehr, als ihr seht, dass der Tag naht!

Predigt

Liebe Brüder und Schwestern,
Welche Hoffnungen haben wir eigentlich in unserem Leben? In jeder Lebenslage mögen das ganz verschiedene Hoffnungen sein. Wir hoffen als junge Menschen auf eine gute Ausbildung, viel Abenteuer, Glück in der Liebe und Erfolg bei Prüfungen. Ein anderer hofft, dass seine Sportmannschaft gewinnt.

Später geht es um die Hoffnung auf gesunde Kinder, eine liebe Familie, Glück im Haus und Stall. Wir haben aber auch die Hoffnung auf Veränderung in Politik und Kirche. Wir hoffen auf Frieden oder zumindest, dass wir nicht wieder in Krieg gestürzt werden. In der Pfarrei habt ihr durch den Werktag «Pfarrei der Zukunft» eure Hoffnungen und Sorgen zum Ausdruck gebracht.

Im alltäglichen Umgang hoffen wir auf vieles: gutes, gedeihliches Wetter oder im Spiel auf gutes Glück. Wir hoffen einfach, dass alles gut kommt.

Beim genaueren Lesen der Heiligen Schrift wird klar, dass die Bibel nicht von vielen verschiedenen Hoffnungen, sondern von einer grossen Hoffnung spricht. Die gehörte Lesung aus dem Hebräerbrief spricht sogar vom «unwandelbaren Bekenntnis der Hoffnung».

Der erste Petrusbrief spricht davon, dass Gott «uns in seinem Erbarmen neu gezeugt hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten (1 Petr 1,3) oder später fordert er uns auf: «Seid bereit, jedem Red und Antwort zu stehen, der nach eurer Hoffnung fragt, die euch erfüllt.»

Spätestens jetzt wird klar, dass hier nicht von irgendeiner Allerweltshoffnung die Rede ist, sondern um grund-legende Basis einer Lebensgestaltung. Es geht gar um die Hoffnung, die uns durch das Evangelium gegeben ist.

Worin besteht aber die «Hoffnung des Evangeliums» (Kol 1,23)?

Wenn wir von der Hoffnung aus dem Evangelium sprechen, dann meinen wir den schon vollzogenen Sieg des Lebens über den Tod, den Sieg, den Jesus durch seine Auferstehung errungen hat. Dieser Sieg ist die fundamen¬tale Basis, eine Gewissheit, dass Gott "Herr der Lage" ist, dass wir in Seinen Händen sind. Die Hoffnung des Evangeliums ist besteht darin, dass sich Gott unser annimmt – egal wie unsere Vergangenheit aussieht. Er selbst springt für uns in die Bresche, nimmt unser Schwachheit und Schuld auf sich, um uns in seiner Auferstehung davon zu befreien.

Indem wir in der Taufe an seinem Tod und seiner Auferstehung teilhaben, sind wir aus den Verstrickungen des Todes erlöst. Der Sieg über den Tod und alles, was den Tod bringt, ist schon vollzogen. Wir sind an einem Punkt of no return – an einem Punkt, wo es kein Zurück in die Niederlage gibt.

«Was kann uns da noch passieren? Vielleicht spüren Sie schon die Freiheit und Gelassenheit, die einem ein solcher Gedanke geben kann. Paulus sagt: «Weil wir also eine solche Hoffnung haben, treten wir mit grossem Freimut auf» (2 Kor 3,12).

Nun kommt aber unser grosses ABER: Unsere Hoffnung ist am Schwinden. Diese Welt, unsere Kirche gibt viel Anlass zum Davonlaufen. Viele haben die Hoffnung schon verloren und haben die Kirche verlassen. Sie nehmen nicht mehr Teil an der Gemeinschaft jener, die eigentlich die Träger dieser grossen Hoffnung sein sollte.

Die Diskrepanz zwischen der Hoffnung des Glaubens, dass der Sieg über das Böse, den Tod schon vollzogen ist, koliert mit der Erfahrung des Gegenteils. Dass das Böse eher zunimmt.

Offenbar spürte auch Paulus zu seiner Zeit diese Diskrepanz. Er schreibt nämlich an die Römer: "Auf Hoffnung hin sind wir gerettet. Hoffnung aber, die man schon erfüllt sieht, ist keine Hoffnung. Denn wie kann man auf etwas hoffen, das man sieht? Hoffen wir aber auf das, was wir nicht sehen, dann harren wir aus in Geduld" (Röm 8,24-25). Damals wie heute stehen wir in der Spannung des "Schon" und "Noch nicht". Der Sieg Christi ist schon Wirklichkeit und doch noch nicht manifest. Als Glaubende stehen wir in dieser Spannung des "Schon" und "Noch nicht".

Dieser Sieg muss sich in mir, in der Gemeinschaft der Glaubenden, in der Welt offenbaren. Aber hinter den Sieg können wir nicht zurück. Deswegen sind uns schon alle Sünden Vergeben, auch wenn sie noch nicht einmal begangen sind.

Das heisst nicht, dass wir drauflossündigen dürfen. Wir würden nämlich gegen den Sieg Christi, der in uns offenbar werden will, entgegenarbeiten.

Der schon erfolgte Sieg Christi lässt uns aber auch nicht passiv die Hände in den Schoss legen.

Im Gegenteil: als Träger dieser Hoffnung wollen wir, dass der Sieg schon überall sichtbar wird. Als Träger der Hoffnung engagieren wir uns, wo wir können – politisch, gesellschaftlich, kirchlich. Wo Entwicklung, Klima, Not, Migration, Armut oder Tierschutz, wie wir heute Morgen bei einer Demonstration vor der Kirche erlebt haben, ein Thema ist, wollen wir die Dinge wandeln, damit die Auferstehung, das Leben schneller manifest wird. Und als Kirche, als Pfarrei dürfen wir gemeinsam Träger der Hoffnung sein, auch wenn wir leider selber viele Anti-Zeichen von uns geben.

Was bedeutet es nun, aus der Haltung der Hoffnung heraus zu leben?

 Beginnen wir bei dem Schwierigen, bei der Versöhnung: Wenn ich glaube, dass das Gute über das Böse schon gesiegt hat, muss ich selber nicht für Rache sorgen. Das Gute braucht keine Rache, um gut zu erscheinen.

 Ich muss mich auch nicht rechtfertigen – vor mir, vor den anderen, vor Gott. Ich kann auch zu meinen Vergehen, meiner eigenen Schuld,– und seien sie noch so schlimm – stehen. Christus kennt die Umstände und er hat schon alles überwunden. Wenn ich mich selbst rechtfertige – und sei das nur gedanklich – zeige ich dadurch, dass ich nicht wirklich an den Sieg Christi glaube. Ich kann aufrecht stehen vor Gott, vor mir und den anderen. «Er ist meine Ehre und richtet mich auf», heisst es im Ps 3,4.

 Diese sichere Hoffnung des Evangeliums befreit mich auch vom Druck mich selbst erfinden und mich selbst vervollkommnen zu müssen. Meine Geschichte und meine Identität stehen in einem grossen Zusammenhang, dem Zusammenhang Gottes, den wir im Glaubens-bekenntnis bezeugen. Ich befinde mich mitten in der Welt des Credo, wo Gott, der Schöpfer, die Welt und mich gut geschaffen hat, wo Er selbst in den Abgrund der Sünde hinabgestiegen ist, wo Er aber auch das Leben in Ihm erneuert und vollendet in seinem Geist. Ich darf diese Leben leben. Wir nennen es "Ewiges Leben", auch wenn wir diese Erdenzeit noch nicht beendet haben. Wir stehen heute mitten in der Auferstehung und dem Ewigen Leben. Wir sind Auferstandene.

Um den Begriff "Ewiges Leben" zu verstehen, müssen wir vielleicht vom Gegenteil sprechen. Wir sprechen von Todsünde, wenn wir uns bewusst von Gott lossagen und uns so vom Quell des Lebens abschneiden. Wir leben zwar noch physisch, biologisch, sind aber geistig tot, weil Christus aus uns ausgeschlossen ist und wir uns Ihm ver-weigern.

Todsünden passieren selten, viel weniger als wir meinen. Vor Todsünden müssen wir uns nicht fürchten. Diese sind einfach erkennbar. Viel gefährlicher ist das langsame Abgleiten in ein oberflächliches Dahinplätschern des All-tags. Wir triften weg von der Quelle unserer Hoffnung, ohne das wir es merken: «Ich führe ja ein ordentliches, anständiges Leben und bin nicht schlechter als die anderen.» Da verfallen wir gerne einer Selbstbeschwichtigung und letztlich einem Selbstbetrug. Solcher Selbst-betrug ist viel schwerer erkennbar, als offensichtliche schwere Vergehen. Aus der Hoffnung des Evangeliums leben, sieht anders aus.

 Diese Hoffnung wartet nicht passiv ab auf bessere Zeiten – im Sinne von «Gott wird’s schon richten». Die Hoffnung drängt vorwärts, handelt in der Kraft Christi, leitet Schritte zur Versöhnung, zur Verbesserung aktiv ein.

In verkachelten Ehen und Beziehungen packt die Hoffnung das Notwendige an, holt Hilfe, geht zur Beratung und verschiebt die Sache nicht auf später. Die Hoffnung des Evangeliums verschiebt nichts auf "bessere Zeiten".

 Das Gebet ist ein wunderbarer Ausdruck dieser Hoffnung, weil wir darin unser Vertrauen zeigen, dass wir das Erbetene oder gar Besseres erhalten. «Alles, worum ihr betet und bittet - glaubt nur, dass ihr es schon erhalten habt, dann wird es euch zuteil» (Mk 11,24).

 Der Sonntag als Tag der Auferstehung, des Sieges über das, was Tod bringt, schenkt jenen, die ihn als den Tag der Hoffnung gestalten, einen ungemeinen Frieden in den Alltag. Er lehrt uns aufrecht zu gehen, auch wenn uns etwas niederdrückt.

 Jeder Tag darf ich dann als Tag der Hoffnung leben. Denn ich befinde mich in der Gegenwart Gottes, in seinem Sieg. Deshalb dürfen wir keine Tag, keinen Augenblick, als vergebens betrachten oder ihn vergeuden. Wir sind erfüllt von der Hoffnung, die nicht zugrunde gehen lässt (vgl. Röm 5,5).

 Resignation, Niedergeschlagenheit, Aufgeben, Selbstgeisselungen und Selbstvorwürfe sind grosse Versuchungen in unserem Alltag. Ich selber spüre diese Versuchungen immer wieder aufkommen. Wir dürfen ihnen aber keinen Raum geben. Sie wirken zerstörerisch.

 Wenn mich die Hoffnung des Evangeliums erfüllt, muss ich auch nicht mehr schummeln, zivile Behörden, gesetzliche Vorschriften hintergehen oder Vorteile unlauter herausschinden. Christus, die Wahrheit, hat am Kreuz gesiegt. Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit scheinen in den Augen der Welt manchmal «dumme» Wege zu sein, aber sie lassen mich aufrecht stehen vor meinem Gewissen. Ich stehe in mir, weil ein anderer hinter mir steht.

 Wenn wir aus der Hoffnung des Evangeliums heraus leben, können wir sehr viel ertragen. Dann können wir verschiedenen Denkweisen, Frömmigkeitsformen nebeneinanderstehen lassen und trotzdem eine Glaubensgemeinschaft bilden, miteinander beten, singen und Eucharistie feiern. Der Hebräerbrief spricht da vom «unwandelbaren Bekenntnis der Hoffnung». Daraus zieht er die Konsequenz: «Lasst uns aufeinander achten und uns zur Liebe und zu guten Taten anspornen! Lasst uns nicht unseren Zusammenkünften fernbleiben, wie es einigen zur Gewohnheit geworden ist, sondern ermuntert einander» (Hebr 10,24-25).

Die Erfüllung der Hoffnung besteht also nicht im Erreichen eines speziellen Hoffnungszieles: Die Hoffnung des Evangeliums ist schon erfüllt im Stehen in Christus.
Die Spannung, in die mich diese Hoffnung manchmal führt, ist oft schwer auszuhalten. Die Spannung des «Schon» und «Noch nicht» wird bleiben. Dies auszuhalten ist die Arbeit des Glaubens. So werden wir morgen über die Tugend des Glaubens sprechen.

Rosenkranz

"Jesus, der in uns die Hoffnung stärke"

Schlussgebet

Gott, du unsere Hoffnung und unsere Kraft,
ohne dich vermögen wir nichts.
steh uns mit deiner Gnade bei,
damit wir denken, reden und tun was dir gefällt.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.
 

2. Karwochenpredigt

Die Tugend des Glaubens

"Wir leben aus der Hoffnung und glauben an die Liebe. Das tönt schön, doch was hat das mit meiner Lebenssituation zu tun?"

Ich hoffe, dass Sie gestern etwas mitnehmen konnten, dass die Hoffnung des Evangeliums eine gute Basis zur Gestaltung Ihres Alltages dienen kann, dass nicht egal ist, ob wir nun Hoffnung haben oder nicht. Hoffnung auf den sicheren und schon vollzogenen Sieg schenkt uns eine Freiheit und Gelassenheit, auch wenn wir die Spannung des "Schon" und "Noch nicht" gut spüren. Ja, wir können uns frei fühlen, wie auf einem Tanzboden.

Heute stellen wir Betrachtungen über die göttliche Tugend des Glaubens an. Nun geht es ans Tanzen. Den Tanzboden ist gelegt. Nun dürfen wir uns in aller Freiheit darauf tanzend bewegen.

Gebet

Allmächtiger, ewiger Gott,
mehre in uns den Glauben,
die Hoffnung und die Liebe.
Gib uns die Gnade,
zu lieben, was du gebietest,
damit wir erlangen, was du verheißen hast.
Darum bitten wir durch Jesus Christus, unseren Herrn.

Lesung aus dem 1. Brief an die Kirche in Korinth.
(1 Kor 15,1-5)

Ich erinnere euch, Brüder und Schwestern, an das Evangelium, das ich euch verkündet habe. Ihr habt es angenommen; es ist der Grund, auf dem ihr steht. Durch dieses Evangelium werdet ihr gerettet werden, wenn ihr festhaltet an dem Wort, das ich euch verkündet habe, es sei denn, ihr hättet den Glauben unüberlegt angenommen. Denn vor allem habe ich euch überliefert, was auch ich empfangen habe: Christus ist für unsere Sünden gestorben, gemäß der Schrift, und ist begraben worden. Er ist am dritten Tag auferweckt worden, gemäß der Schrift, und erschien dem Kephas, dann den Zwölf.

Predigt

Liebe Brüder und Schwestern
Es ist gefährlich und schädlich, sich als Glaubender zu bezeichnen – im Sinne von "irgendein höheres Wesen gibt es ja schon" – und dann so zu leben, als ob es Gott nicht gebe.
Besser Gott zu verneinen und ein engagiertes Leben zu führen, als Gott zu bejahen und oberflächlich dahin zu plätschern. Im Munde Gottes sind die Lauen die gefährdete Gruppe: "Ich kenne deine Taten", spricht der Herr, "Du bist weder kalt noch heiß. Wärest du doch kalt oder heiß! Daher, weil du lau bist, weder heiß noch kalt, will ich dich aus meinem Mund ausspeien" (Offb 3,15f).
Weil jeder nach Gottes Bild geschaffen ist, hat jeder in sich dieses Ziehen und Rufen. Dieses drängt mich früher oder später zu einer Entscheidung und diese Ent-scheidung zu vertiefen. Es geht letztlich um die Entscheidung, sich auf diesen Unbekannten, Absoluten einzulassen, zu vertrauen, ja in Christi Jargon, das Kreuz zu tragen.

Ich lasse mich nicht auf etwas, sondern auf jemanden ein. Vielleicht müssen wir uns die Frage des Paulus gefallen lassen: "Habt ihr den Glauben vielleicht unüberlegt angenommen" (1 Kor 15,2)? In unseren Tagen kann das sehr einfach passieren. Wir werden in eine christliche Familie hineingeboren, werden wie es guter Brauch ist getauft, machen das ganze Programm der Pfarrei mit – von der Erstkommunion bis zur Firmung. Weil ich nicht auffallen will, mache ich alles mit und folge der Tradition auch wenn sie mir womöglich im Alltag gar nicht so viel bedeutet. Vielleicht mag das einmal gewesen sein. Jetzt aber und immer wieder haben ich die Möglichkeit für einen Neustart oder einen Durchstart.

Papst Franziskus schreibt in Evangelii Gaudium: "Die große Gefahr der Welt von heute mit ihrem vielfältigen und erdrückenden Konsumangebot ist eine individualistische Traurigkeit, die aus einem bequemen, begehrlichen Herzen hervorgeht, aus der krankhaften Suche nach oberflächlichen Vergnügungen, aus einer abgeschotteten Geisteshaltung. Wenn das innere Leben sich in den eigenen Interessen verschließt, gibt es keinen Raum mehr für die anderen, finden die Armen keinen Einlass mehr, hört man nicht mehr die Stimme Gottes, genießt man nicht mehr die innige Freude über seine Liebe, regt sich nicht die Begeisterung, das Gute zu tun. Auch die Gläubigen laufen nachweislich und fortwährend diese Gefahr. Viele erliegen ihr und werden zu gereizten, unzufriedenen, empfindungslosen Menschen. Das ist nicht die Wahl eines würdigen und erfüllten Lebens, das ist nicht Gottes Wille für uns, das ist nicht das Leben im Geist, das aus dem Herzen des auferstandenen Christus hervorsprudelt. [EG 2]
"Ich lade jeden Christen ein, gleich an welchem Ort und in welcher Lage er sich befindet, noch heute seine persönliche Begegnung mit Jesus Christus zu erneuern oder zumindest den Entschluss zu fassen, sich von ihm finden zu lassen, ihn jeden Tag ohne Unterlass zu suchen. Es gibt keinen Grund, weshalb jemand meinen könnte, diese Einladung gelte nicht ihm, denn »niemand ist von der Freude ausgeschlossen, die der Herr uns bringt«. Wer etwas wagt, den enttäuscht der Herr nicht, und wenn jemand einen kleinen Schritt auf Jesus zu macht, entdeckt er, dass dieser bereits mit offenen Armen auf sein Kommen wartete." [EG 3]

Mich hat einmal eine Frau gefragt, warum im Glaubensbekenntnis der wichtige Glaube an die Eucharistie nicht vorhanden sei. Ich konnte ihr keine befriedigende Antwort geben, nur hilflose Erklärungsversuche. Eines müssen wir uns immer wieder in Erinnerung rufen. Wir glauben nicht etwas. Wir glauben nicht an etwas. Wir glauben an Jemand. Wir glauben Jemandem. Das kleine Glaubensbekenntnis, das der Apostel Paulus im heutigen Abschnitt an die Korinther schreibt, überliefert eindrücklich diesen Glauben an Christus, der gestorben, auferstanden und den Aposteln erschienen ist. Es geht nicht um einzelne Glaubenssätze. Es geht um die Person Jesu.

Glauben ist im Grunde genommen Beziehungsarbeit – aufbauend, vertrauend, kreativ und prozesshaft.

Die Bibel dürfen wir als Liebesgeschichte Gottes mit seinem Volk lesen. Diese Liebesgeschichte Gottes setzt sich fort in mir. Und wie er damals sein Volk in die Wüste führte, so fühle ich, dass Gott mir durch den Glauben nicht einen Halt und eine Sicherheit gegeben hat, die mich nicht fallen lässt. Nein, ich fühle mich eher in die Wüste geführt und da ringt er um mich oder wie es Hosea ausdrückt: "Ich werde sie in die Wüste gehen lassen und ihr zu Herzen reden" (Hosea 2,16).

Immer wieder geht es um die Frage "Vertraust du mir?" Will ich mich auf ihn einlassen, mich ihm unterordnen?" so fällt mir der Glaube nicht einfach. Einmal ist es eine Freude und eine Freiheit, ein anderes Mal ist es eine Last und ein Gefängnis. So ist mir das Beten eine Freude, eine Freiheit, eine Last, ein Gefängnis. Gott erfahre ich als eine Freude, eine Freiheit, eine Last und als einengend. Ja, jede Beziehung erfahre ich als eine Freude, eine Freiheit, eine Last, ein Gefängnis. Mich selbst erfahre ich als Freude, Freiheit, eine Last und Gefängnis. Je nach Situation und Verfassung empfinde ich das eine mehr das andere weniger.

Ja, der Glaube, das Beten, die Gottes Beziehung, die Beziehung zu meinen Lieben, zu mir selbst ist immer wieder ein Ringen, dran zu bleiben, nicht aufzugeben und davon zu laufen. Manchmal möchte man mit dem Psalm 55,7-9 sagen: "Hätte ich doch Flügel wie eine Taube, dann flöge ich davon und käme zur Ruhe. Siehe, weit fort möchte ich fliehen, die Nacht verbringen in der Wüste. An einen sicheren Ort möchte ich eilen vor dem Wetter, vor dem tobenden Sturm."

Gerne hätten wir im Leben vieles anders. Aber es gibt kein Entrinnen aus der eigenen Haut und Geschichte. Vielleicht verschaffen wir uns gelegentlich eine kurze Flucht ins Internet, in die Zerstreuung, in den Alkohol. Dadurch merken wir aber noch viel intensiver, dass wir gefangene unserer eigenen Geschichte und Psyche sind. Und unser Verhalten beschämt uns, wir machen uns Vorwürfe. Und das Ganze reisst uns tiefer in eine Leere, die uns die Freude nimmt.

Zweifel kommen auf. Diese werden verstärkt durch den Blick auf den Zustand der heutigen Welt – mit den verschiedenen Krisenherden, mit dem Elend und Hunger und Ohnmacht, die vielerorts auf dem Globus auszumachen ist. Auch Gedanken an andere Religionen lassen uns den Wahrheitsanspruch des eigenen Gottesglaubens hinterfragen und das Ringen beginnt von vorn.

Nun was mache ich mit all diesen Fragen, die in mir aufkommen? Was darf ich glauben? Und vor allem wem darf ich glauben, Vertrauen schenken?

 Ein Gedanke in all diesen Turbulenzen hat ich aber durch vieles getragen: Gott, der absolut Wahre und Gute, kann nicht täuschen. Er täuscht mich nicht. Er spielt kein Spiel mit mir.

 So wie jede Beziehung prozesshafte Arbeit bedeutet, so auch die Beziehung mit Gott. Vertrauen lässt sich nur langsam aufbauen – nicht nur in den schönen Momenten, sondern gerade dann wenn es brennt, wenn es weh tut. Das Gegenüber sehnt sich nach mir. Er lässt mich nicht in Ruhe; ER stört auf. ER will, dass ich brenne. Das ist die Erfahrung der Emmaus-Jünger. So heisst es auch von Gott: "Gott ist ein verzehrendes Feuer" (Dtn 4,24; Hebr 12,29).

 Diese Feuer will Gott mir entzünden. Brennender Glaube ist letztlich ein Geschenk, so wie Paulus sagt: "Ich habe euch überliefert, was auch ich empfangen habe" (1 Kor 15,3). Wir empfangen diesen Glauben in einer Gemeinschaft des Glaubens, in der Familie, in der Freundschaft, in der Pfarrei. Eine lebendige Gemeinschaft ist uns aber als Aufgabe gegeben, damit der Glaube des Einzelnen in ein grosses Gefüge eingebettet ist. Wir haben die Verantwortung, solche kleineren und grösseren Glaubensgemeinschaften zu bilden. Unsere Familien dürfen Hauskirchen sein, wo miteinander gebetet, über den Glauben diskutiert und die Bibel gelesen wird.

 Glaube ist mir gegeben. Und es ist eine Illusion zu meinen, ich könnte mir den Glauben selber zusammen-basteln. Dieser Glaube stünde auf sehr wackligen Füssen. Paulus schreibt bewusst zweimal (1 Kor 15,3.4.5), dass der Christusglaube "gemäss der Schrift" sei und dass er von Kephas, dem Petrus, und den Zwölf bezeugt sei.

 Wenn der Glaube Vertrauen in eine Beziehung bedeutet, müssen wir nicht alles genau verstehen, aber alle, was wir verstehen, müssen wir leben.

Wenn wir die Tugend der Hoffnung eine Haltung genannt haben, die uns eine fundamentale Basis gibt, einen sicheren Boden, der uns eine Gelassenheit und Freiheit schenkt, so würde ich heute die Tugend des Glaubens mit dem bewegenden Tanz vergleichen, den wir auf dem Boden der Hoffnung vollführen dürfen. Gott will mit uns tanzen und er führt diesen Tanz an – immer neu und kreativ.

Gott hat uns für die himmlische Hochzeit erschaffen. Das Fest und sein Tanz haben aber schon begonnen. Die Hochzeit des Lammes (Christus) mit seiner Braut (der Kirche) ist die Vollendung der Schöpfung, die Vollendung jedes Geschöpfes. Sie ist Leben in Fülle.

So schliesse ich gerne mit einem Gedicht:

Du hast Wein gesagt,
nicht Wasser.
Du hast nicht gesagt:
Das Leben ist Pflicht
und Vernunft und
ein frommes Gesicht.

Du hast Wein gesagt.
Du hast gesagt:
Das Leben ist Genuss, so richtig,
und Heiterkeit, auch ausgelassene,
und Lachen, gern lauthals.

Die einzige Bedingung:
Dass einer dem anderen
Wein und Genuss
und Freude und Lachen ist.

Du hast Wein gesagt.
Du Weinstock,
ich Rebe,
aus dir sammle ich Saft
für Frucht und Wein
und köstliches Leben.

3. Karwochenpredigt

Die Tugend der Liebe

In den beiden vorangegangenen Predigten haben wir die göttlichen Tugenden der Hoffnung und des Glaubens betrachtet. Hoffnung als fundamentale Basis, die uns die Freiheit und Gelassenheit schenkt, unser Leben von seinem Sieg über den Tod und alles, was Tod bringt zu leben. Glaube als jene Tugend, die uns immer neu um das Vertrauen ringen lässt, alles in Gottes Hände zu legen.

Die Hoffnung als einen Tanzboden, der in der Spannung zwischen dem «Schon» und «Noch nicht» aufgespannt ist, der Glaube als Fähigkeit mit Gott in dieser Spannung vertrauensvoll zu tanzen.

Und heute betrachten wir die Liebe als dritte göttliche Tugend. Vielleicht ist es die schwierigste Tugend, sie in hilfreiche Worte zu fassen.

Gebet

Herr, unser Gott, sieh gnädig auf alle,
die du in deinen Dienst gerufen hast.
Mach uns stark im Glauben,
in der Hoffnung und in der Liebe,
damit wir immer wachsam sind
und auf dem Weg deiner Gebote bleiben.
Darum bitten wir durch Jesus Christus, unseren Herrn.

Lesung aus dem Brief des Apostels Paulus an die Kirche in Kolossä.
(Kol 3,12-14)

Heilige und Geliebte,
bekleidet euch, als Erwählte Gottes,
mit innigem Erbarmen, Güte, Demut, Milde, Geduld!
Ertragt einander und vergebt einander,
wenn einer dem anderen etwas vorzuwerfen hat!
Wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr!
Vor allem bekleidet euch mit der Liebe, die das Band der Vollkommenheit ist!
 

Predigt

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn

Viele Schwierigkeiten in unseren Lebensgemeinschaften, in den Familien, den Ehen, Pfarrei und Kloster kommen von einem Mangel an Liebe. Zur Liebe gehört aber immer die Wahrheit. Ohne Wahrheit, wir würden vielleicht sagen Ehrlichkeit, hat die Liebe kein tragendes Fundament.

Es geht aber nicht um irgendeine Wahrheit, um irgendeine Ehrlichkeit. Im Wort «Ehrlichkeit» ist das Wort «Ehre» enthalten. Damit meinen wir nicht die Ehre, die wir von den Menschen empfangen, sondern jene Ehre, die Gott uns schon zu Beginn unseres Daseins ins Innerste gelegt hat. Es ist SEINE Ehre, sein Bild in uns. Der Blick durch Gottes Augen öffnet uns für diese Ehrlichkeit, diese Wahrheit des Gegenübers. Wir lernen, in ihm Gottes Bild zu erkennen. In der Eigenständigkeit des Anderen offenbart sich etwas Einzigartiges und Unverwechselbares, das Gott in ihn gelegt hat. Diesen Blick auf das Wesen meines Gegenübers lässt mich die Wahrheit dieser Person erahnen. Paulus will in seinem Kolosserbrief uns diese fundamentale Wahrheit in Erinnerung rufen: «Ihr seid von Gott geliebt, seid seine auserwählten Heiligen» und dann folgt daraus der Respekt voreinander: «Darum bekleidet euch mit Erbarmen, Güte, Demut, Milde, Geduld.» Dieser Blick hinter die Fassade eines Menschen ist Voraussetzung für eine aufrichtige Bruder- und Schwesterliebe. Dann haben wir die Kraft, einander zu ertragen und einander zu vergeben. Es ist der Blick dieser tiefen Wahrheit, der uns befähigt zu lieben und sich hinzugeben bis zum Letzten. Lieben und Wahrheit gehören zusammen.

Derselbe Blick bedarf ich auch in der Selbstliebe. Ich muss erahnen lernen, wer ich in den Augen Gottes bin. Ich darf die «Ehre» Gottes in mir entdecken. Dann lerne ich auch meine Unverwechselbarkeit zu lieben.

Wenn Paulus sagt, «Bekleidet euch mit Demut», meint er nicht ein verschämtes Zurücknehmen und Kleinmachen seiner selbst. Demut ist die Anerkennung und Zueigennahme der Wirklichkeit: Ich habe eine göttliche Ehre, göttliche Würde, auch wenn ich selten danach lebe. Die Demut ist ein realistischer Blick auf mich durch die Augen Gottes. Sie lehrt mich Dankbarkeit für das, was und wer ich bin, unverwechselbar Ich – nicht mehr und nicht weniger.

Wir beginnen in der Liebe zu mangeln, wenn wir diese volle Wahrheit nicht anerkennen, wenn ich mir oder dem anderen die göttliche Würde abspreche. Vielleicht verbreiten wir nicht Unwahrheiten über den Nächsten. Wir erzählen keine Lügen über andere. Durch das Verschweigen gewisser Dinge geraten aber Gegebenheiten in ein schiefes Licht.

Die halbe Wahrheit ist nahe bei der halben Lüge. Sie lässt sich nicht richtig fassen. Eigentlich sind Halbwahrheiten und Halblügen schlimmer als ganze Lügen. Richtig dicke Lügen lassen sich leicht als solche erkennen. Halblügen und Halbwahrheiten sind aber nicht richtig zu fassen. Sie sind wie nasse Fische, die einem aus der Hand entgleiten, will man sie festhalten. Nicht die grossen Lügen oder die grossen Vergehen gegen die Liebe lassen eine Gemeinschaft zugrunde gehen. Diese lassen sich leicht aufdecken und die Konsequenzen ziehen, verzeihen oder die Beziehung abbrechen.

Bei den Halbwahrheiten und Halblügen ist es anders. Sie durchdringen eine Beziehung und ersticken sie langsam, weil man nicht ganz offen miteinander sprechen kann. Mit einer halben Wahrheit kann ich mich dem Anderen und letztlich auch mir selbst entziehen, rechtfertigen, verteidigen – aber wirkliches Vertrauen ist nicht (wieder) herzustellen.

Dasselbe gilt im Grunde für Notlügen. In einer Notlüge entziehe ich mich dem Anderen, indem ich nicht zu meiner Wahrheit stehe. Für den anderen bin ich wie ein Fisch nicht fassbar – aber genauso für mich: weil ich etwas an mir nicht lieben kann, stehe ich nicht dazu. Es ist mir peinlich. Erst die volle Wahrheit über mich, lehrt mich, mich selbst zu lieben. Und die volle Wahrheit besteht nicht in den biometrischen und geschichtlichen und charakterlichen Daten, sondern erst im Urteil Gottes vor seinem Angesicht. Liebe hat damit sehr viele mit Wahrheit zu tun. Damit ist es dauernd notwendig eigenes Versagen und Schuld beim Namen zu nennen. Die Bitte um Entschuldigung ist wesentlich – nicht siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal. Gras über etwas wachsen zu lassen, gehört zur Kategorie der Halblügen.

Natürlich müssen wir immer wieder über den eigenen Schatten springen – das gehört zur Tugend der Liebe. Die Treue zu mir, meiner Berufung, meines Versprechens, meinen Aussagen gehört zur Wahrheit, die sich mit Halbwahrheiten nicht verträgt.

Sie merken, dass wir hier von der Liebe nicht als einer spontanen Emotion sprechen. Sie ist eine Tugend, eine Grundverhalten, ein bewusstes Entscheiden, das Gegenüber bewusst anzunehmen, zu ertragen, sich dem anderen zu verschenken.

Es ist eine bewusste Hingabe mit seiner eigenen Geschichte, seiner Leiblichkeit und damit auch seinem Mangel und Begrenztheit.

Ich verschenke mich jemandem, der genauso mit seiner vielleicht belastenden Vergangenheit, mangelhaften Charakter mein Gegenüber sein will. Meine ganze Wahrheit und die des Gegenübers liegen aber im Bilde Gottes, das in uns zum Durchbruch kommen will. Diese innere Spannung anzunehmen ist Demut. Ja, «bekleidet euch mit Erbarmen, mit Güte, Demut, Milde, Geduld» (Kol 3, 12).

Letztlich ist diese Liebe eine Gabe Gottes, des Heiligen Geistes. Er ist das Feuer und die Freude, die uns beflügelt, sich selbst und den anderen ernst zunehmen in dem, was wir sind: Sünder, und von Gott geliebt, seine auserwählten Heiligen. Diese Spannung hält uns auch immer wach. Sie versetzt uns in die Dynamik der geistigen Wachsamkeit, die die Halbwahrheiten zugunsten eines klaren Blickes aufdeckt. Sie lehrt uns aufrechtzustehen vor uns, vor den Mitmenschen und letztlich vor Gott.
Gott will uns nämlich in die Augen sehen von Angesicht zu Angesicht. Das werden wir nur aushalten, wenn alle Halbwahrheiten aufgedeckt sind und meine Person, meine Geschichte in seinem Licht aufstrahlt.

Was bedeutet das aber für uns konkret?

 Paulus ist da im Text schon recht konkret: «Bekleidet euch mit aufrichtigem Erbarmen, mit Güte, Demut, Milde, Geduld. Ertragt euch gegenseitig und vergebt einander, wenn einer dem anderen etwas vorzuwerfen hat. Wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr» (Kol 3,12-13)!

 Wenn die Liebe eine Gabe Gottes ist und wenn sie geschehen soll «wie der HERR gehandelt hat», dann ist es notwendig, dass wir um diese Gabe bitten – gemeinsam. Ich denke, dass sehr wichtig für Ehepaare, für Familien. Liebe muss gemeinsam erbeten werden. Das gemeinsame Gebet öffnet uns für die Liebe zueinander, zu uns selbst und zu Gott. Das Gebet schenkt uns einen klaren Blick über uns und unsere Mitmenschen. Wir werden staunend und demütig erkennen: «Wir sind von Gott geliebt. Wir sind seine auserwählten Heiligen.»

 Kleine Notlügen und Halbwahrheiten mögen im Moment eine Erleichterung bringen. Hilfreich sind sie auf die Länge aber keineswegs und die Liebe wird in ihnen gar nicht sichtbar.

 Meine Vergangenheit, meine Geschichte, mein Charakter sind wichtige Aspekte von mir und dem Gegenüber. Ihnen um des Friedens oder der Harmonie zuliebe auszuweichen, mag der einfachere Weg zu scheinen. Auf die Länge ist aber das Ausweichen und Vermeiden kein Weg der Liebe.
 Meine Leiblichkeit soll genauso mit «Ehr»-lichkeit ausgestattet sein. Ich kann meinem Leib die Ehre nicht absprechen, ohne die Liebe zu verletzen.

 In den Augen Gottes bin ich unauswechselbar einmalig. Niemand kann auf dieselbe Weise mit Gott tanzen wie ich. Diese Einmaligkeit mag mich erschrecken und in eine Einsamkeit vor Gott und den Menschen führen. Die Liebe fordert mich heraus dieses einsame Ausgestelltsein mit Liebe auszufüllen.

Die Tugend der Hoffnung lässt mich die Spannung zwischen dem «Schon» und «Noch nicht» in Freiheit und mit Gelassenheit aktive gestalten. Der Glaube lässt mich auf diesem Fundament tanzen und die Tugend der Liebe lässt mich das in Wahrheit und Ehrlichkeit, mit Feuer und Leidenschaft tun. Erst die Liebe lässt die Schönheit der tanzenden Personen zum Leuchten bringen.

 
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