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Predigt am Festtag des hl. Meinrad

21. Januar 2018, Klosterkirche Einsiedeln, Pater Cyrill Bürgi

Liebe Schwester, lieber Bruder im Herrn

Wie geht es Ihnen? Wie geht es Ihnen wirklich?

Auch wenn Sie jetzt nicht alle mir persönlich und tiefgründig antworten können und wollen, so bitte ich Sie doch, für sich mal zu beantworten: "Wie geht es mir eigentlich wirklich?"

Unterdessen wende ich mich an die Gäste aus Amerika.

Dear guests from St. Meinrad

When I studied at Saint Meinrads Seminary almost twenty years ago, I discovered our patron in a new way. The monks of the Archabbey venerated Saint Meinrad as martyr of hospitality. This was a new perspective for me – so simple but so true.

Hospitality was the new attitude of the early christians. This hospitality made the faith in Jesus so attractive. That’s why the good news spread quickly over the world. This has not changed till today. So may we ask St. Meinrad to help us to be hospitable in our ministry, in our daily life in thoughts, words and deeds. And I am sure that this hospitality will be a blessing for many as God promissed to Abram: "you will be a blessing.”

Nun, wie geht es Ihnen wirklich?

Klar Sie müssen mir nicht antworten. Ich wäre wahrscheinlich auch überfordert mit den vielen Geschichten hinter jeder ehrlichen Antwort.

Leider fragen wir bei einer Begrüssung oft leichthin: "Wie geht es dir?" Dabei erwarten wir keine ausführliche Antwort, wie die momentane, physische und psychische Befindlichkeit sich zeigt. Wir sind sogar unangenehme berührt, wenn es jemandem nicht gut geht und wissen vielfach nicht, wie wir darauf in der Eile antworten sollen. Je nach dem Gegenüber offenbare ich mehr oder weniger von mir. "Wie geht es dir?" ist letztlich eine Frage des Vertrauens.

Ein echtes Interesse am einzelnen Menschen bewegt eigentlich auch die Kirche und darf so jedem Getauften Ansporn sein, denn in einem wichtigen Dokument des Zweiten Vatikanischen Konzils steht: "Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi" (GS 1). Eigentlich dürften wir Christen vielmehr mit echtem Interesse aufeinander zugehen und fragen: "Wie geht es dir?"

Es gibt einer, der Sie heute wirklich fragt, der sich für Sie und ihre Geschichte interessiert. Jesus fragt Sie heute. Jesus fragt Sie immer wieder: "Wie geht es dir?" Und er möchte dich erfahren und nicht eine oberflächliche Maske. Auch hier ist es eine Frage des Vertrauens. Doch wem dürfen wir mehr vertrauen als ihm?

Fragen wir einmal, wie es dem reichen Mann im Evangelium geht. Versetzen wir uns in seine Situation. Wie ist es wohl ihm in der Begegnung mit Jesus zumute? Wie geht es wohl ihm? Dieser Mann rennt voll Enthusiasmus auf Jesus zu und fällt vor ihm auf die Knie. Er setzt grosse Erwartungen in Jesus und hofft von ihm, die ultimative Handlungsanweisung für das ewige Leben in die Hand zu bekommen. Er ist bereit, sein Ja zugeben und alles zu tun, was seine Sehnsucht stillen kann. Ja, er möchte Grosses tun, um im Himmel gross herauszukommen. Dann die Enttäuschung. Jesus weist ihn zurück. Nur Gott ist gut; von ihm allein kommt das Gute. "Du musst nichts Besonderes tun, als dich allein an Gott zu halten, indem du seine Gebote erfüllst." Diese Antwort mag den reichen Mann nicht ganz befriedigen, da er die Gebote schon seit seiner Jugend befolgt. Er möchte mehr tun – Grösseres, Aussergewöhnlicheres, vielleicht sogar etwas Schweres. Und Jesus schaut ihn an und weil er ihn liebte, sagte er zu ihm: "Gott will nicht eine besondere Leistung von dir. Gott will dich! Lass alles los und schenke nicht etwas, sondern dich!" Diese Antwort hat der reiche Mann überhaupt nicht erwartet. Das muss er zuerst verdauen und zieht sich zurück. Ist er schockiert, weil Gott nicht so funktioniert, wie er sich das gedacht hat? Ist er blamiert, weil seine hohe Bereitschaft für grosse Taten nicht zählt? Oder freut er sich innerlich, weil sich endlich jemand für ihn interessiert und nicht für seinen Reichtum und seine Wohltaten.

Jedenfalls ist er hin- und hergerissen zwischen der Begeisterung für Jesus und seinem eigenen Bedürfnis, selber etwas vorweisen zu können. Dieser Mann fühlt sich gespalten. Die eine Seite sagt ein grosses Ja zu Jesus, die andere sieht aber auch das Risiko, die Unsicherheit, das Ungewisse, alles auf die eine Karte zu setzen. Dann doch lieber das sichere Depot, das ich auf der Seite habe. Da weiss ich wenigstens, was ich habe. Lieber am Bewährten festhalten, als ein Risiko eingehen. So geht es letztlich hier um die Frage: "Vertraust du mir?" Im Evangelium geht es nicht um die Frage, ob wir die Heimat, die Familie verlassen sollen oder ob wir unseren Reichtum den Armen verschenken sollen, sondern um weit weniger und doch um viel mehr. Es geht um die Frage Jesu: "Vertraust du mir?"

Jesus fragt uns heute und immer wieder: "Vertraust du mir?" Und wir alle reagieren und antworten wahrscheinlich ähnlich wie der Mann im Evangelium: "Ja, ich vertraue dir, aber… ich habe doch dieses und jenes… Verpflichtungen, Ängste, Bindungen, Schwächen etc." "Ja, aber…" das ist die gewöhnliche Antwort auf Jesu Anruf.

Der heilige Meinrad hatte wahrscheinlich in seinem Leben dieselben "Ja, aber" durchlitten. Jedenfalls ist auch sein letztes Ja am 21. Januar 861, wo er mit grosser Bejahung seine Mörder bewirtet hat, gewachsen aus vielen kleinen Jas. Das Ja zum Klosterleben auf der Reichenau gegen alle anderen Alternativen. Das Ja zum Ruf als Lehrer an den Zürichsee trotz der inneren und äusseren Zweifel. Das Ja zum Ruf als Einsiedler auf dem Etzel mit aller Besorgnis. Das Ja zum Ruf in den Finsteren Wald gegen alle Ängste. Dann das Ja zum Empfang des Besuches der beiden Verbrecher mit allen Fragezeichen. Das Vertrauen des heiligen Meinrad ist gewachsen durch alle "Ja, aber" hindurch.

So fragt Jesus mich und dich in jeder Lebensphase neu: "Vertraust du mir?" Und ich werde wahrscheinlich antworten müssen: "Ja, aber…"
Unsere Lebensübergabe an Jesus, an Gott vollzieht sich nur in solchen "Ja, aber". Mit jedem "aber", das wir überwunden haben, fragt Jesus nach einem neuen vertrauensvollen Ja.

Jesus fragt also nicht so beiläufig, "Wie geht es dir?", sondern er fragt tief: "Wie geht es dir, wirklich?" "Willst du mir alles anvertrauen?" Er will nicht nur etwas von mir, sondern mich als Ganzes, mit meinen Abers, meiner Geschichte, Ängsten und Sehnsüchten.

Lass dich also von Gott fragen und gib keine oberflächliche Antwort, sondern vertraue ihm dein Tiefstes und Innerstes an. Lass dich von ihm fragen: "Wie geht es dir?"

 
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