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Predigt am Palmsonntag

25. März 2018, Klosterkirche Einsiedeln, P. Cyrill Bürgi

Liebe Brüder und Schwestern in Herrn

Vor zwei Wochen durfte ich das zweite Kind einer Familie taufen, dessen Vater albanischer Muslim und deren Mutter im katholischen Glauben beheimatet ist. Zu Beginn der Taufe zeichnet der Priester und die Familie dem Täufling das Kreuzzeichen auf die Stirn. Das hat natürlich bei der Vorbereitung Stoff zur Diskussion gegeben. Für den muslimischen Vater war das Kreuzzeichen eine ungeheure Provokation. Ich fragte ihn direkt, was an diesem Zeichen so provokant sei. Und er gab für mich eine überraschende und sehr beschämende Antwort.

In der Tat ist das Kreuz eine wahnsinnige Provokation. Wie können wir in einem der brutalsten Folterinstrumente ein Erlösungszeichen sehen? Im 5. Jahrhundert sagte Papst Leo der Grosse (+461): "Alle Wesen der Erde sollen über die Hinrichtung ihres Erlösers erschrecken." Wir Menschen haben den guten Gott versucht zu beseitigen. Wir haben ihm das Böseste angetan und wollten ihn töten. Heute nehmen wir dieses Folterzeichen leichthin an als christliches Glaubenszeichen und hängen es überall auf. Dieses Zeichen mag am Wegrand stehen oder wir zeichnen es über uns selbst. Es gibt aber nur wenige Augenblicke, wo wir wirklich dar ob erschrecken. Jesus hat uns wohl erlöst – und das bekennen wir –, aber dieser Gedanke zieht uns in unseren täglichen Problemen nicht vom Hocker. Das Kreuz hat seine Kraft verloren. Theoretisch nehmen wir es als Erlösungszeichen an, aber praktisch spüren wir keine Auswirkungen in unseren Angelegenheiten.

Der muslimische Vater hat mich veranlasst, das Kreuz von der Wand zu nehmen und es ins Leben zu setzen. Und plötzlich entdecke ich, wie viele Kreuze mich plagen und die Menschen provozieren. Es sind Knackpunkte des Lebens, die uns zu schaffen machen. Seien es persönliche Schicksalsschläge, seien es Ungerechtigkeiten, Terror, Hunger, Kriege und das Leid so vieler Menschen. Diese Kreuze lassen mich zweifeln an der Existenz eines guten Gottes. Seien es die eigene Geschichte oder Fehlverhalten, seien es die deprimierte Psyche oder die eigene destruktive Denkstruktur. Sie alle sind meine Kreuze und drücken mich ständig nieder, weil sie mich nicht in Ruhe lassen. Ich möchte sie los- und von ihnen befreit werden. Ich empfinde sie störend und hinderlich für ein gelungenes Leben. Ich erfahre diese Knackpunkte selten wirklich als provozierend und mich aus meinem Loch herausrufend. Es scheint, dass diese Kreuze nichts mit dem Kreuz Christi zu tun haben. Sie haben keine erlösende Kraft. Sie sind drückend und erdrückend, aber nicht provozierend – herausrufend.

Als einen solch störenden Knackpunkt in meinen Leben erfahre ich die Schulgottesdienste, die ich mit unseren Stiftsschülern feiere. Jedes Mal, wenn ich einen solchen zu organisieren habe, überkommen mich die schlimmsten Versuchungen. Am liebsten würde ich sie loshaben und schiebe die Vorbereitung deswegen lange hinaus. In meinen Widerständen erfahre ich dann Angst, Überdruss, Lethargie. Ich werde wütend über die Schulleitung, schimpfe innerlich über die Lehrer und denke herablassend von den Schülern und am häufigsten kommt die Versuchung der Resignation. Die Sache wird mir egal und ich lasse mich gehen. Wenn ich dann aus diesen wildesten Versuchungen erwache, merke ich, dass genau solche Knackpunkte mir eigentlich am meisten helfen könnten, meinen inneren Schweinehund zu überwinden. Ich muss mich von ihnen provozieren und aus dem Loch herausrufen lassen, dann werden sie Mittel zum Lösen meiner komplexen Widerstände. Diese Knackpunkte oder Kreuze verwandeln sich gar in Kristallisationspunkt der Reifung und des Wachstums.

Wenn ich mich von meinen Kreuzen und Knackpunkten aus meinem Loch herausrufen, provozieren lasse, werden sie mir zu Erlösungs-, ja Lösungspunkten. Ich muss sie nicht loswerden, abschaffen und beseitigen wollen, sondern sie als Ausgangspunkte und Katalysatoren nutzen.

Jesus hat es genauso gemacht. Er hat die Erniedrigung in seine Erhöhung gewandelt. Er hat das schlimmste Verbrechen der Menschheit, die Tötung des Gottessohnes, zum grössten Erlösungsinstrument gemacht. Christus begegnet uns genau in den störenden, ekligen Knackpunkten des Lebens. Hier wird er uns begegnen. Er ist mitten in der Provokation drin.

Und warum provoziert denn das Kreuz den muslimischen Vater? Der Muslim aus Albanien stört sich nicht daran, dass das Kreuz ein Zeichen der Christen ist. Das Kreuz provoziert ihn auch nicht so sehr, weil es gegen sein Gottesbild geht und Gott für ihn gewiss nicht an einem Kreuz elendiglich stirbt. Das Kreuz provoziert ihn so sehr, weil es damals im Jugoslawienkrieg von Christen nicht als Aufruf gegen Ungerechtigkeit verwendet wurde, nicht als Provokationszeichen für ihren Glauben, sondern als Machtzeichen. Christen haben das Kreuzzeichen nicht als Erlösungszeichen, sondern als Machtzeichen verwendet. Ist das nicht beschämend? Machen wir heute nicht denselben Fehler! Nehmen wir das Kreuz Christi und unsere persönlichen Kreuze als Provokation, um gegen das Lebensfeindliche aufzustehen und so die Welt von ihren wirren Verstrickungen zu (er-)lösen – in Christus.

 
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