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Sonntagsgedanke – 23. September 2018

Kontemplation – ein Wesenszug Marias (1. Teil)

"Maria aber bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen und dachte darüber nach."

Kennen sie das Märchen von Frau Holle? Ein Mädchen wird von seiner bösen Stiefmutter schlecht behandelt und ausgenutzt. Da springt die Spindel beim Spinnen einmal in einen tiefen Brunnen. Das Mädchen lässt sich sogleich hinter ihr her in die Tiefe fallen und erwacht auf einer Wiese. Da ruft aus einem Backofen das Brot: "Komm, nimm uns heraus, sonst verbrennen wir!" Das Mädchen geht und holt das duftende Brot aus dem Ofen. Von einer anderen Seite schreien die Äpfel: "Pflücke uns, wir sind reif – sonst fallen wir vom Baum und verfaulen." Die Äpfel werden sorgfältig geerntet. Schliesslich kommt das Mädchen zu Frau Holle, die es in ihren Dienst nimmt. Plötzlich verspürt es jedoch Heimweh und bittet Frau Holle, es nach Hause zu lassen. Diese willigt ein. Da öffnet sich der Himmel und das Mädchen wird mit Gold überschüttet. Zu Hause angekommen, erzählt es von seinen Erlebnissen. Ihre garstige Halbschwester will nun das Gold auch haben, springt ohne äusseren Anlass in den Brunnen und erwacht auf der Wiese. Das Brot lässt sie jedoch verbrennen, die Äpfel fallen und faulen, Frau Holle dient sie halbherzig und freudlos. Sie wartet nur auf das Gold und will danach sofort nach Hause. Da öffnet sich der Himmel – aber sie wird mit schwarzem Pech übergossen, das lebenslang an ihr haften bleiben wird.

Die Pechmarie liess sich von der Frage leiten: "Was will ich vom Leben? Was will ich ihm abtrotzen, was erzwingen?", die Goldmarie hingegen von der Frage: "Was erwartet das Leben von mir?"

Der religiöse Mensch wird entweder fragen: "Was will ich von Gott? Was ihm abtrotzen, was erzwingen?", oder aber: "Was willst Du, Gott, dass ich hier und jetzt tun soll, was willst du von mir, was willst du für mich? Hier bin ich!" Die erstgenannte Haltung kennzeichnet einen Menschen wie die Pechmarie im Märchen von Frau Holle, einen Menschen, der eingeschlossen ist in ein enges, habgieriges und um sich selbst kreisendes Ich. Die zweite Haltung jedoch hat Maria ausgezeichnet. Sie antwortete dem Verkündigungsengel: "Mir geschehe nach deinem Wort." Maria war offen wie die Goldmarie im Märchen und konnte vertrauen und sich hingeben. Was war ihr Geheimnis?

"Maria aber bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen und dachte darüber nach."

Warum konnte sie Gott hören, ihn erfahren und ihm vertrauen? Natürlich: Gott hatte ihr eine besondere Gnade verliehen. Im Evangelium nach Lukas, Kapitel 2 Vers 19 steht aber ein Satz über Maria, der uns hellhörig macht und uns eine Haltung verrät, um die auch wir alle uns bemühen können: "Maria bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen und dachte darüber nach." Etwas im Herzen bewahren und darüber nachdenken, kann klärend wirken und offen machen. Das braucht jedoch Zeit und zeitweilige Zurückgezogenheit. Eilen wir aber nicht dauernd von einer Sache zur andern? Werden wir nicht häufig durch viele widersprüchliche Stimmen in uns und um uns herum abgelenkt, beeindruckt und verwirrt? Werden wir dadurch nicht oft ängstlicher und enger, sehen wir dann kaum mehr über die eigene Nasenspitze hinaus? Fehlt es uns, durch unseren Lebensstil bedingt, nicht an Beschaulichkeit im Alltag? Laufen wir deshalb nicht Gefahr, uns manchmal selbst abhanden zu kommen? Und wenn wir nicht mehr bei uns sind – wie wollen wir dann Gottes Wort für uns hören?

(Fortsetzung folgt)
P. Theo Flury

 
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