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Predigt an Neujahr

Biblischer Text: Num 6,22–27

Liebe Mitchristen!
Wie schön ist es, das Kalenderjahr mit einem Segen zu beginnen! Diesen Segen haben wir in der ersten Lesung aus dem Buch Numeri gehört:

Der HERR segne dich und behüte dich.
Der HERR lasse sein Angesicht über dich leuchten und sei dir gnädig.
Der HERR wende sein Angesicht dir zu und schenke dir Frieden.

"Der Herr wende sein Angesicht dir zu". Das Angesicht eines Königs oder eines Würdenträgers zu sehen, bedeutete in der damaligen semitischen Welt, in seiner Gegenwart wohlwollend aufgenommen zu werden. Für die betroffene Person war das eine grosse Ehre.

Obwohl dieser Segen eigentlich an das ganze Volk Israel gerichtet ist, ist er in der zweiten Person Singular formuliert. Es heisst "Der Herr segne dich" und nicht "der Herr segne euch". Dieser Segen wird also über jeden einzelnen ganz persönlich gesprochen; er ist eine Einladung, sich auf eine ganz persönliche und innige Beziehung mit Gott, dem Herrn, einzulassen. Das ist das Eigentliche dieses Segens: Gott nahe zu sein, in seiner Gegenwart zu leben.

Es war also Überzeugung des Volkes des Alten Bundes, einen menschennahen Gott zu haben. "Welche grosse Nation hätte Götter, die ihr so nah sind, wie der HERR, unser Gott, uns nah ist?" – lesen wir z.B. im Buch Deuteronomium (Dtn 4,7). Diese Zuversicht und diese Gottesnähe wurde mit der Menschwerdung Christi bei weitem überboten. Das ist vielleicht das Grösste, das Schönste und das Entscheidendste im christlichen Glauben: Gott wird Mensch, Mitglied der menschlichen Gesellschaft, um uns Menschen nahe – sehr nahe – zu sein. Ich wage es sogar zu behaupten, dass Gott Mensch geworden ist, um uns Menschen besser verstehen zu können, um an der eigenen Haut zu erleben, was wir Menschen erleben, und zwar nicht nur das Angenehme, sondern auch das Schwere: Misserfolg, Leiden, Versuchungen und sogar der Tod blieben ihm nicht erspart.

Jesus ist wahrhaft der menschgewordene Gott, 100% - das ist unser Glaube, davon sind wir überzeugt. Und so verehren wir mit Recht am heutigen Tag Maria, die Mutter Jesu, als die Gottesmutter. Das machen wir aber nicht, um Maria weit weg von uns Menschen zu entrücken und sie in eine göttliche Ebene zu versetzen, in die wir nie gelangen werden. Das wäre nicht der Sinn des heutigen Hochfestes und das wäre auch nicht im Sinne Jesu. Denn als er am Kreuz hing, vertraute er seine Mutter seinem Lieblingsjünger an (vgl. Joh 19,26–27). Und dieser Jünger, den Jesus liebte, sind wir alle, denn jede und jeder von uns ist von Jesus geliebt. Und so ist auch Maria uns allen, jeder und jedem einzelnen von uns, zur Mutter gegeben.

Wie schön ist diese Geste, die Jesus am Kreuz vollzog. Er hat uns seine Mutter Maria als unsere Mutter gegeben!
Seitdem ist der Mensch mit einer neuen Würde bekleidet. Seit jenem Augenblick hat uns Jesus als seine Geschwister aufgenommen und so sind wir wahrhaft Kinder Gottes! Wir sind Angehörige der grossen Familie Gottes und sind voll berechtigt, zu rufen: "Abba, Vater!" (vgl. Gal 4,6). Dieses Wort "Abba" drückt grosses Vertrauen und Zärtlichkeit aus; auf Deutsch sollte man es eher mit "Papi" übersetzten; das typische Wort, das kleine Kinder aussprechen, wenn sie sich ihrem Vater (ihrem ‘Papi’) anvertrauen. Als Mitglieder der einen grossen Familie Gottes sind wir alle Geschwister, Brüder und Schwestern in Christus. Gott ist unser aller Vater, Jesus ist unser Bruder, Maria ist unsere gemeinsame Mutter.

Wie erleben wir diese Familie? Wie sieht unsere Beziehung zu Gott, dem Vater, aus? Und mit Jesus? Und mit Maria und allen Heiligen? Haben wir eine persönliche und innige Beziehung mit Gott, dem Vater? Oder ist Gott nur Gegenstand(!) unserer Gedanken, ein interessantes Objekt für unsere theologischen Überlegungen? Und wie steht es mit Maria, den Aposteln und allen Heiligen? Spüren wir ihre Nähe? Erleben wir sie als Glieder der grossen Familie Gottes, zu der auch wir gehören? Oder sind sie nur Gestalten der Vergangenheit, Gegenstände für die Geschichtsschreibung?

Und schauen wir um uns herum! Wer sind alle diese Menschen, die wir sehen? Empfinden wir sie wirklich als unsere Schwestern und Brüder in Christus? Sind wir uns dessen bewusst, dass wir alle zur gleichen Familie gehören? Wie erleben wir konkret diese Zugehörigkeit? [Und wir Ordensleute, die wir immer von Mitbrüdern oder Mitschwestern reden, meinen wir es wirklich ernst?] Begegnen wir uns einander tatsächlich als Schwestern und Brüder?

Liebe Mitchristen! Also: liebe Brüder, liebe Schwestern!

Unmittelbar vor der Kommunion wünschen wir uns einander den Frieden. Nur Jesus kann uns diesen Frieden geben. Und dieser Friede kann nur dann Wirklichkeit werden, wenn wir lernen, tatsächlich als Mitglieder der einen Familie Gottes, als Schwestern und Brüder in Christus, zu leben.

Der HERR wende sein Angesicht dir zu und schenke dir Frieden.

Möge wirklich das Angesicht Gottes über uns leuchten und durch uns über die ganze Welt, die ein grosses – sehr grosses! – Bedürfnis nach Frieden hat. Amen.
 

 
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