Sonntagsgedanke – 24. Dezember 2017

Endlich steht Weihnachten vor der Türe! Oder sind wir vielleicht vielmehr überrascht, dass der Advent schon fast wieder vorbei ist? Die Diskussion um die Sonntagsverkäufe in den letzten Tagen vor dem Fest zeigt mir jedenfalls, dass die Vorbereitung auf Weihnachten erst kurz vor dem Heiligabend geschieht – zumindest was das Einkaufen der Geschenke angeht. Aber das geht wohl mit der inneren Vorbereitung einher. Von alleine geschieht jedenfalls auch diese nicht. "Jedes Jahr komme ich weniger in weihnächtliche Stimmung", habe ich letzthin jemanden sagen gehört. Das kann ich gut nachvollziehen. In der Schule bastelt man fleissig Weihnachtsdekorationen und übt für das Krippenspiel. Zu Hause duftet es vielleicht wunderbar nach frisch gebackenen Guetzli oder man geht mit Freunden am Nachmittag Kerzen ziehen. Mit dem Erwachsenwerden fällt vieles davon weg. Der Weihnachtsschmuck für die Wohnung muss selber gekauft werden. Und wenn die Zeit ob der vielen Arbeit knapp ist, ist dies wohl eines der ersten Dinge, die aus der Agenda gestrichen oder zumindest aufgeschoben werden. Und plötzlich sind die Festtage da, plötzlich sollte man in weihnächtlicher Stimmung sein! Das wäre wohl so, als ob man einen Marathon rennen möchte, ohne dass man davor ernsthaft einmal trainieren ging.

Zum Glück aber haben wir heute noch einen ganzen Tag, um uns auf das Geschehen von Weihnachten einzustimmen. Dabei ist die Brisanz der Weihnachtsgeschichte kaum zu überbieten. Von romantischer Kerzen- und Glühweinstimmung kann jedenfalls keine Rede sein. Wie nämlich muss sich Maria gefühlt haben beim Gedanken daran, dass ihr wohl kaum jemand glauben würde, wenn sie erklärt, wieso sie als unverheiratete junge Frau plötzlich schwanger ist? Die Verachtung, der Tratsch in ihrem Umfeld konnte ihr sicher sein. Nicht weniger gross war die Schande für Joseph, der darüber hinaus bitter enttäuscht von seiner Verlobten gewesen sein muss. So hatte er seine Zukunft mit ihr sicherlich nicht vorgestellt! Es war eine Situation zum Davonlaufen. Doch aller Wut, Enttäuschung und Traurigkeit zum Trotz: Er glaubte daran, dass keine Situation gottlos ist, selbst wenn wir beim besten Willen keinen Sinn in einem Geschehen entdecken können.

So hat Weihnachten auch für unser Leben eine Botschaft: Wer von uns muss denn schon mit einem Esel los, um sich in eine Steuerliste einzutragen? Enttäuschungen aber erleben wir alle, vielleicht auch von uns nahestehenden Personen. Wir alle kennen Situationen, in denen wir am liebsten davonlaufen möchten. Joseph, der stille Mann im Hintergrund, von dem in der Bibel kein einziges Wort überliefert ist, kann uns da ein Vorbild sein im Vertrauen auf Gottes heilsames Wirken, im Verzicht darauf, nach dem Augenschein zu urteilen oder gar zu verurteilen.

P. Thomas


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