Sonntagsgedanke – 10. März 2019

Skandal!

Die Wahrheit über unzählige Missbrauchsfälle innerhalb der Kirche legt einen stinkenden Sumpf offen. "In welchem Verein bin ich da gelandet?" mag sich mancher gefragt haben und fragen.

"In welchem Verein bin ich da gelandet?" Ich spreche für mich, wenn ich sage: Genau im richtigen, zu dem ich zutiefst gehöre! Ich bin nämlich selbst ein Sünder, der immer wieder auf Vergebung und Erlösung angewiesen ist. "Wer sagt, er sei ohne Sünde, ist eine Lügnerin oder ein Lügner", sagt der Evangelist Johannes. Und Jesus fordert auf: "Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein." Ich für meinen Teil würde den Stein liegen lassen. Zwar habe ich nie Minderjährige verführt, habe aber doch auch nicht immer als guter Christ, als guter Benediktiner oder guter Priester gehandelt (obwohl ich mich darum bemühe).
Wie kann es aber geschehen, dass sich Ordensleute und Priester so schwerwiegend daneben benehmen?
Dazu einige Gedanken:

  1. Mir scheint, dass viele unter uns Schwierigkeiten mit dem richtigen Verhältnis von Nähe und Distanz haben, besonders wenn es um Gefühl, Affektivität und Körperlichkeit geht. Beim Eintritt ins Noviziat oder ins Priesterseminar können diese nicht sozusagen in der Garderobe abgegeben werden. Sie begleiten uns bis zum Lebensende. Werden sie von uns "verstossen", machen sie sich selbständig und überrumpeln früher oder später uns und andere. Früher hatte man die Einzelnen damit meistens allein gelassen. Heute hingegen sollte es nun nicht so sehr darum gehen, Menschen einfach psychologisch auf geeignete oder ungeeignete Persönlichkeitsstrukturen hinsichtlich eines kirchlichen Berufs durchzuchecken. Das ist viel zu wenig und kann zudem nur Berührungsängste der Verantwortlichen dem Thema gegenüber verbergen oder fördern, wobei Blinde zu Blindenführern werden. Nein: Klöster und Seminare sollten aktiv und bewusst zu wirklichen Kulturstätten des Gefühls, der Affektivität und des gediegenen Umgangs mit der Körperlichkeit werden, im Rahmen des Zölibats und im Blick auf die Berufung zur Heiligkeit, der Heiligkeit des ganzen (!) Menschen. Nur in einem Umfeld des achtsamen und wertschätzenden Wahrnehmens und des wahrgenommen Werdens (das ist etwas anderes als Kontrolle!) kann ein echtes Gefühl für sich selbst erwachen und, mit ihm, ein Gefühl der Empathie für andere, das jemanden sogleich zurückschrecken lässt, wenn er dabei ist, eine kritische Grenze zu überschreiten.

  2. Die Pflege des geistlichen Lebens spielt ebenfalls eine grosse Rolle. Mir persönlich hilft dabei der Rahmen eines eher traditionell orientierten Verständnisses von Priestertum und Ordensleben, hinter deren Idealen ich zwar deutlich nachhinke, die mich aber doch halten, mir Richtung geben und vor zu grossen Schwenkern bewahren. Ein Priester "feiert" für mich immer noch die Messe (mit dem Opfer Christi am Kreuz in deren Mittelpunkt), er "steht ihr" nicht einfach "vor" wie der Präsident eines Vereins oder der Major einer Tafelgesellschaft (gerade hier kann übrigens die Gefahr eines gewissen Klerikalismus lauern, scheint mir). Auch lese ich, zwar nicht ausschliesslich, aber mit Vorliebe, geistliche Werke der grossen Klassiker (Imitatio Christi, Caussade, Dom Marmion u.a.), die mir viel geben – natürlich im Bewusstsein, dass unsere Welt nicht mehr die gleiche ist wie jene vor hundert Jahren. Aber unsere ist auch nicht einfach a priori die bessere, geschweige denn die einzige, massgebende. Der Blick auf die Geschichte nimmt der Gegenwart den Anspruch des allein Gültigen oder Ausserordentlichen, und macht vorsichtig den selbsternannten männlichen und weiblichen Messiassen gegenüber ("die Alten haben euch gesagt… ich aber sage euch…").
  3. Ich hatte in den Achtzigern in Rom studiert. Es war die Zeit, in der das Gefühl verbreitet war, alles könne anders werden, und zwar nur besser: Das Alte sei müder Plunder, der Frühling breche aus und auf. Bedingungslose Freiheit! Neusetzung der Massstäbe innerhalb und ausserhalb der Kirche, zumindest Umdeutung verstaubter Sätze und Ansichten – alles sei grundsätzlich verhandelbar; so verstand man lebendige Tradition und Aggiornamento. Unter den nordamerikanischen Studenten war gut bekannt, dass Theodor McCarrick* eine Schwäche für Seminaristen hatte (von Übergriffen auf Minderjährige war allerdings noch nicht die Rede). Man hatte im damals vorherrschenden Klima diese Schwäche grosszügig belächelt. Heute tut man das nicht mehr.

P. Theo Flury


* Ein amerikanischer Erzbischof und Kardinal, der kürzlich – mit 88 Jahren – wegen gravierender moralischer Verfehlungen den Kardinalshut abgeben musste. Nun erfolgte auch noch der Entzug aller kirchlichen Ämter.

 


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