Sonntagsgedanke zum 7. Juli

"Selig sind, die nicht sehen und doch glauben" – so sagt der auferstandene Herr zum Apostel Thomas, dessen Fest wir letzte Woche gefeiert haben. Thomas konnte dem Bericht der Jünger, die dem Auferstandenen bereits begegnen durften, keinen Glauben schenken. Er wollte die Wundmale nicht nur sehen, sondern sie auch berühren können – dann erst würde er glauben (Joh 20, 24-29).

Diese kurze Szene sagt eine ganze Menge über den Glauben an Jesus Christus aus! Zuerst geht es um eine Beziehung zu einem Du, zu einer Person, nicht zu einer Idee oder einer Lehre. Auch nicht zu einem religiösen Gefühl, denn Gefühle gehören ja zu uns selbst und nicht zum ganz Andern, zu Gott, der sich im Herrn zu erkennen gibt. Weiter wird deutlich, dass der Auferstandene nicht verschieden ist von Jesus, den die Jünger vor Karfreitag und Ostern gekannt haben: die Wundmale sind geblieben. Die Auferstehung hat ferner Jesus Christus nicht in einen leiblosen Geist verwandelt, Thomas kann seinen Leib berühren. Allerdings erkennen die Jünger den Auferstandenen nicht immer sofort, also hat die Auferstehung Jesus nicht einfach ins irdische Leben zurückgeholt; es geht um etwas anderes als etwa um eine Totenerweckung wie jene des Lazarus (Joh 11, 1-46). Der Glaube bezieht sich letztlich auf ein Geheimnis, auf ein Mysterium, das nicht einfach in uns schlummert, sondern das gewissermassen von aussen an uns herantritt. Aber wir sind fähig, zu ihm in Beziehung zu treten und letztlich selbst ein Teil dieses Geheimnisses zu werden. Das ist unsere Bestimmung für Zeit und Ewigkeit.

Doch wie können wir heute glauben? Wo ist die Seite Jesu, in die wir unsere Hand legen können? "Was an unserem Erlöser sichtbar war, ist in seine Mysterien (d.h. in die Sakramente der Kirche) übergegangen" (Leo d. Gr., serm. 74,2). Die Kirche ist keine reine Gemeinschaft von Gleichgesinnten, die sich in ihren Überzeugungen gegenseitig bestärken, sondern zuerst eine Wirklichkeit, die erfüllt und getragen ist von Jesus Christus selbst. Darin gibt es gewisse Vollzüge, in denen er selbst wirkt. Dieses Handeln wird durch einen Menschen sichtbar, der sich ganz in diesen besonderen Dienst gestellt hat. Da geht es übrigens vor allem um Demut und nicht um Selbstdarstellung oder Macht; der hl. Pfarrer von Ars hat einmal gesagt, der Priester solle sein wie ein Fenster, durch das hindurch man Jesus sieht. Manchmal sind diese Fenster aber eigenwillig bemalt oder einfach verschmutzt. Dies spricht nicht gegen die Fenster an sich, wohl aber gegen die Nachlässigkeit, diesen Zustand einfach hinzunehmen.

Wir haben heute meist wenig Sinn für eine solche "Objektivität" des Glaubens. Unser Glaubensleben ist weithin eher subjektiv, affektiv und charismatisch gefärbt. Während im ersten Fall die Gefahr der Abkoppelung des Glaubens von der Erfahrung lauert, kann im zweiten Fall das eigene religiöse Gefühl zum Mittelpunkt werden und den Einzelnen in sich selbst isolieren. Wir müssen daran weiterarbeiten, beides irgendwie zusammenzubringen, um nicht so oder anders wichtige Aspekte des Glaubenslebens auszublenden.

Nach diesen Überlegungen möchte ich noch einen ganz handfesten Tipp für den Zugang zum Glauben geben. Bei den alten Fahrrädern meiner Jugend musste man, wollte man Licht haben, einen Dynamo an das Vorderrad kippen. Erst wenn man tüchtig strampelte, und wenn so die Bewegung über das Rad auf den Dynamo übertragen wurde, gab es das gewünschte Licht. Ist es mit dem Glauben nicht ähnlich? Wir müssen zuerst so tun, als ob wir glaubten, sollten uns einfach mal reingeben – mit allen Fragen, Vorbehalten und Rätseln. Erst danach kann überhaupt etwas geschehen, können uns die Augen aufgehen. Der hl. Thomas von Aquin sagt, dass man nur lieben könne, was man kennt. Wir aber sollten immer wieder kennenlernen wollen und das Unsere dazu beitragen.

P. Theo Flury


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