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Predigt in der Osternacht 2012

7. April 2012, Klosterkirche, Abt Martin Werlen

Liebe Schwestern und Brüder

Diese Osternachtfeier ist die erste, in der ich als Abt niemanden mit der Spendung der Taufe oder der Firmung in die katholische Kirche aufnehmen kann. Warum dem so ist, kann ich einfach erklären: In den vergangenen drei Monaten konnte ich lange Zeit nicht davon ausgehen, dass ich an diesen Heiligen Tagen der Liturgie vorstehen kann. Noch Anfang Februar sprachen die Ärzte von vier Monaten mit der Hoffnung auf Heilung.

Eigentlich schade, dass keine Taufen und Firmungen stattfinden. Aber so ist das Leben. Und nur wenn wir uns den Herausforderungen stellen, die uns zugemutet werden, begegnen wir dem Leben wirklich. Es geht uns da nicht anders als den Frauen, von denen wir im Evangelium gehört haben. Der Mensch, auf den sie ihre Hoffnung gesetzt haben, wurde am Kreuz hingerichtet. Sobald der Sabbat vorüber ist - der Tag, an dem man sich nicht weit bewegen kann - kaufen sie Öle, um den Leichnam Jesu zu salben. Auf dem Weg zum Grab machen sie sich Sorgen: "Wer könnte uns den Stein vom Eingang des Grabes wegwälzen?" Dass der Stein bereits weggewälzt war, konnten sie nur entdecken, weil sie sich zum Grab aufgemacht hatten. Sie gehen ins Grab hinein und sehen dort einen jungen Mann sitzen. Sie erschrecken. "Erschreckt nicht!", sagt dieser zu ihnen. "Ihr sucht Jesus von Nazaret, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden!" Und er fordert sie auf, zu gehen und verheisst ihnen: "Ihr werdet ihn sehen."

Wir alle setzen unsere Hoffnung auf Jesus Christus – mehr oder weniger. Wir alle möchten diesem Jesus begegnen – wohl auch hier mehr oder weniger. Auf dem Weg machen wir alle uns Sorgen. Es gibt viele Steine zum Wegwälzen, im Leben von uns allen. Nicht wenige Menschen bleiben darum lieber stehen oder sogar sitzen. Aber entdecken, dass die Steine bereits weggewälzt sind, können wir nur, wenn wir uns tatsächlich auf den Weg machen. Auch uns gilt die Botschaft: "Erschreckt nicht! Er ist auferstanden! Geht, ihr werdet ihn sehen." Wir sind aufgefordert, uns immer wieder auf dem Weg zu machen. "Geht, ihr werdet ihn sehen!"

Stimmt das? Nur durch die Erfahrung können wir diese Frage beantworten. Vor drei Monaten hätte ich gesagt: "Ja, das stimmt. Ich darf es immer wieder erfahren." Seit mehreren Jahrzehnten rufe ich mir jeden Abend vor dem Einschlafen drei Erfahrungen in Erinnerung, bei denen ich Gott begegnen durfte und danke ihm dafür. Es gibt Abende, an denen ich lange suchen muss. "Wo Güte ist und Liebe, da ist Gott", haben wir am Gründonnerstag hier in der Klosterkirche gesungen. Wo bin ich diesem Gott heute begegnet – selbst in allen Schwierigkeiten und Herausforderungen, Erfahrungen und Enttäuschungen? Gottes Gegenwart durfte ich immer wieder auf überraschende Weise erfahren.

Und wie ist es nach dem schweren Unfall am 13. Januar? Damals haben wohl einige gesagt: "Gut, dass bei ihm auch einmal etwas völlig daneben geht." Ihren Glauben bringe ich jetzt ein wenig durcheinander. Es geht mir wirklich sehr gut. Und zudem nehmen sie offenbar nicht wahr, dass bei mir immer wieder vieles daneben geht. Und trotzdem kann ich heute erst recht sagen: "Ja, wir dürfen dem Auferstandenen begegnen. Das stimmt. Ich durfte es in den vergangenen drei Monaten immer wieder erfahren – wie nie zuvor." Was mich dabei besonders freut: Diese Begegnungen mit dem lebendigen Gott wurden mir geschenkt. Ich habe sie nicht verdient. Ein paar dieser Ostererfahrungen teile ich gerne mit Ihnen. Ich freue mich, wenn sie Anregungen sind, in Ihrem eigenen Leben immer neu Gottes Gegenwart zu entdecken. "Geht, ihr werdet ihn sehen."

Als ich im Spital Einsiedeln war, nicht mehr ansprechbar, ist neben der grossartigen Arbeit der Ärzte das Wichtigste die eigene Arbeit mit dem Hirn gewesen. Aber da konnte ich ja nicht mithelfen, weil ich gar nicht mitbekam, was los war. Und trotzdem habe ich – so wurde es mir gesagt – mitgeholfen. Ich habe ohne Unterlass Psalmen rezitiert. Das hat dazu beigetragen, dass ich an den Verletzungen nicht gestorben bin.

Zweieinhalb Monate war ich nicht mehr im Kloster und keinen einzigen Moment musste ich mir Sorgen um das Kloster Einsiedeln und das Kloster Fahr machen. Ich konnte P. Urban und Priorin Irene vertrauen, mich aber auch auf viele Mitbrüder, Mitschwestern und Angestellte verlassen. Wenn das nicht ein grosses Geschenk ist!

Tag für Tag trafen über 50 Briefe ein von Menschen, die mir ihre Verbundenheit und besonders ihr Gebet versprachen: von einfachsten Menschen und von Promis, von alten und jungen Menschen, vom Badminton-Verband und Spitzensportlern, von Fahrenden und von Führungspersönlichkeiten aus Wirtschaft und Politik, aus allen Kontinenten, von Menschen, die zur katholischen Kirche gehören, zur reformierten, zur orthodoxen, aber auch von Menschen, die sich als Atheisten bezeichnen. Einer, der sich in der Öffentlichkeit als Atheist bezeichnet, schrieb mir: "Lieber Martin, was ist auch mit dir passiert? Du bringst mich noch zum Beten :-)…" Einer der grossen Wirtschaftsführer in unserem Land schrieb mir: "Unsere ganze Familie betet täglich für dich. Zum ersten Mal als Familie." Was das Gebet bewirkt, durfte ich erfahren. Und dafür danke ich auch sehr vielen Menschen, die jetzt hier in der Klosterkirche sind. Zum Beispiel den Sängerinnen und Sängern des Stiftschores.

Ärzte, Therapeutinnen und Therapeuten und Pflegefachpersonen forderten mich ganz gehörig und förderten mich so. Heute staunen alle darüber, was möglich wurde – ich selbst am meisten. Ich habe mich besonders gefreut, dass ich in der Liturgie am Gründonnerstag zwölf Leuten von der Rehabilitationsklinik Valens bei der Fusswaschung meine Dankbarkeit zum Ausdruck bringen konnte, besonders dafür, dass ich durch sie Gottes Gegenwart erfahren durfte.

In den vergangenen Monaten habe ich oft geweint. Es war eine schwierige Zeit. Ich wünsche sie niemandem. Aber trotzdem möchte ich diese Zeit nicht missen. Meine Bereitschaft und meine Fähigkeit, Gottes Gegenwart zu suchen, sind grösser geworden. "Geht, ihr werdet ihn sehen!" Wenn ich jetzt hundert Menschen suchen müsste, die diese Botschaft bezeugen, würde ich sie in der Klinik Valens holen, unter den schwerkranken und schwerbehinderten Menschen. Die Begegnung mit dem Auferstandenen ist nicht ein Privileg derer, denen alles rund läuft. Die Begegnung mit dem Auferstandenen ist ein überraschendes Geschenk an die Suchenden. Ein Mensch, dem ein Arm und ein Bein amputiert werden musste, antwortet auf die Frage: "Geht es Ihnen heute wirklich besser als früher": "Ja, ich bin heute ein sehr glücklicher Mensch. Ich bin damit im Reinen, dass der Unfall überhaupt passiert ist, denn mein Leben hat dadurch eine positive Wende genommen. Der Körper hat gelitten, aber die Seele hat gewonnen, mir geht es heute besser als früher. Und ich bin nicht der Einzige, der nach einem Schicksalsschlag so denkt" (Joachim Schoss).

Am 30. März war ich noch einmal im Universitätsspital Zürich zu einer Untersuchung. Auf den Bildern waren die Spuren der Brüche meines Schädels noch sichtbar. Dass er nicht ganz zersprungen ist, hat eine Vermutung bestätigt: Walliser haben – Gott sei Dank! einen harten Schädel. Von der Hirnblutung war am 30. März nichts mehr zu sehen. Dafür bin ich dankbar. Ich bin aber auch besonders dankbar für die Bilder vom 14. Januar. Denn dort ist die Hirnblutung in aller Klarheit sichtbar. Das war offensichtlich für einige überraschend. Denn damit ist eindeutig nachgewiesen, dass ich auch ein Hirn habe…

Liebe Schwestern und Brüder, wir haben allen Grund zum Lachen. Wir haben Grund zur Freude.

Weil Gott uns liebt, hat er uns das Leben geschenkt. Weil Gott uns liebt, hat er sich für uns dahingegeben. Weil Gott uns liebt, wohnt er in unserer Mitte.

Geht, ihr werdet ihn sehen!